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I ERÖFFNUNGSAUSSTELLUNG DES KUNSTSALONS PAUL CASSIRER, BERLIN
HONORE DAUMIER
BACCHANTENZUG
Ausstellung Paul Cassirer, Berlin
Wollen selbst zu bewerten, sondern auch das
Kunstwerk, das diesem Wollen entsprang. So
entstand eine Gefahr aus der neuen Erkenntnis
, und die Künstler, die so viel Wesens
machen hörten vom künstlerischen Wollen,
zogen auch für sich den Schluß, daß das Wollen
wertvoller sei als das Können.
Eng verknüpft mit diesem einen Begriff
des Wollens ist der andere der Entwicklung,
deren Kern man in dem jedesmal neuen Wollen
fand. Und es gibt nicht wenige Künstler heut,
die sich als Träger der Entwicklung fühlen,
wenn sie ihrem Wollen ein neues Ziel geben.
So erleben wir den Picasso mit seinem Kubismus
, den Kandinsky mit seiner absoluten
Malerei, den Marinetti mit seinen Zukunftsmalern
. Und sie alle stecken tiefer als sie
es wissen, in der Vergangenheit. Jeder von
ihnen fand irgendein Restchen einer verbrauchten
Kunsttheorie, das er als Theorie
so lange aufblies, bis die Kunst ganz hinausgefahren
war, und jeder versucht nun, mit
seinem Geschrei die Welt zu erfüllen und
aus seinem trüben Winkel die Zukunft zu
prophezeien.
Wenn Paul Cassirer in seinem Manifest
die Kunsthistoriker brandmarkt, die „Wollen
und Entwicklung überschätzten und das Talent
unterschätzten", so mag er die treffen, die das
absichtsvoll bewußte Wollen solcher Pseudo-
entwicklung für ernst nahmen. Aber die Worte
Wollen und Entwicklung dürfen nicht entwertet
sein, weil sie mißbraucht wurden, und es bleibt
bestehen, daß das einzelne Werk nicht nur für
sich Qualität haben muß, ein Talent offenbaren
und dem Genießenden eine seelische Bereicherung
sein, sondern daß es nochmals wertvoll
wird als Glied einer Kette, indem es Anteil
nimmt an dem Prozeß der Entwicklung.
So kann auch diese Ausstellung nicht umhin
, Abriß einer Entwicklungsgeschichte zu
sein, sie zeigt den Weg von Delacroix und
Gericault zu Courbet und Daumier, von Cour-
bet zu Manet und Renoir und von Daumier
zu Cezanne, sie zeigt die deutsche Linie der
Menzel und Leibi, Trübner und Liebermann,
und sie zeigt, wie in Cezanne, Van Gogh,
Münch, Hodler wieder neue Ströme ansetzen,
während in kleineren Künstlern wie Bonnard
und Vuillard die alten Kräfte versiegen. Aber
Cassirer will diesmal nicht das wahr haben,
er will nichts zeigen als „Werke", und diese
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