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KUNST DES 19. JAHRHUNDERTS IN KÖLNER PRIVATBESITZ
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Vautier, hier nur mit mäßig guten Bildchen vertreten
, doch ist des ersteren „Knabe in Schwelmer
Tracht" von malerisc her Noblesse im zartschimmernden
Helldunkel. Ein durch die subtile Lichtführung
interessant gewordenes Interieur stammt von dem
Hanauer F. C. Hausmann. Malerische Breite und
sichere Charakterisierung jugendlicher Frömmelei
interessiert in den „Chorknaben", von dem wenig
bekannten S. Rahm (geb. 1811). Auch der fast
völlig, aber zu Unrecht, unbekannt gebliebene
J. Reiners (1828—1907) wäre hier anzugliedern;
man sieht von ihm — außer einer hübschen Naturstudie
— den Kopf einer alten Hexe in Spitzwegs
Manier.
Abermals bricht eine neue Zeit herauf: Künstler
wie Feuerbach und Böcklin, in repräsentativer
Form auch Lenbach. Von dem letztgenannten
sieht man in dieser Ausstellung ein ganz aus dem
Dunkel herausgearbeitetes Damenporträt, von Feuerbach
eine „Nana" (im Profil), und von Böcklin
eine koloristisch äußerst geschmackvolle mytho
logische Szene „Überraschte Venus". Sodann die
beiden größten: Menzel und Leibi. Menzel ist
mit einer Anzahl der erlesensten Zeichnungen in
Köln vertreten, deren Ausdrucksreichtum unaus-
schöpfbar bleibt. Leibls „Kritiker" sind hier,
ferner ein lieblicher Mädchenkopf(Oelskizze vonl897)
und die Bleistiftzeichnung „Zwei Mädchen im Zimmer
". Die „Kritiker" zeigen in interessanter Weise,
wie Leibi auch ohne den direkten Einfluß Courbets
— der erst mit 1869 einsetzt, während das Bild 1868
datiert ist — zur Bezwingung seiner malerischen
Leidenschaft gelangt, wie er aber immer noch der
pathetischen Geste oder überhaupt des Sujets bedurfte
, um dagegen nachher mit Hilfe des Franzosen
sich ganz frei zu machen und in der Beherrschung
der Farbe allein die höchste Meisterschaft
zu gewinnen.
In herrlicher Stärke der rein malerischen Ausdrucksmöglichkeiten
erscheint Schuch, begrenzter
freilich im Vergleich zu Leibis Vielseitigkeit, nicht
aber in der absoluten Meisterung der Farbe, die
eben bei ihm keines äußeren Vorwurfs mehr bedarf
, und die auch in „Käse und Obst" die köstlichste
Poesie zu legen weiß. Neben Leibi oder
Schuch wirken Begabungen wie Hirth du Frenes
und L. Eysen, die doch mit sympathischen Stücken
vertreten sind, schwach. Ein ebenso intimer Landschafter
wie Eysen, wenn auch aus ganz anderem
Boden gewachsen, ist der Düsseldorfer E. te Peerdt
(geboren 1852), von dem hier acht Bilder vereinigt
sind. Er liebt die kleinen Formate und weiß sich
immer gar inniglich in die Stimmung seiner Landschaften
zu versenken, ist immer von zartem Reiz
der Farben- und Luftbehandlung, der gern an die
französischen Impressionisten denken läßt. — Eine
ähnliche Erscheinung ist auch der wenig bekannte
F. G. Arndt, von dem in dieser Zeitschrift ein
frühlingsfrisches Naturstückchen abgebildet wird.
Viel weniger naiv gibt sich der in des Lebens
Frühzeit von uns gegangene Kölner Mosler-Pal-
lenberg (1863—93), in dem wir zweifellos eine
koloristische Begabung zu erkennen haben, die
früh sich alle Errungenschaften der Alten zunutze
gemacht hatte, so zum Eklektiker wurde, vieles
wollend, als künstlerische Potenz doch aber nur
von lokaler Bedeutung werden konnte.
Die ausgereifteste Erscheinung der modernen
lebenden Maler Deutschlands, Max Liebermann,
ist mit einigen Arbeiten aus den achtziger Jahren
hier: einem stillen Hofwinkel von saftiger Farbenpracht
und dem in monumentaler Ruhe von Seewind
und Licht umflossenen „Mädchen in Dünen".
Thoma begrüßen wir in einer stimmungsvollen,
versonnenen Abendlandschaft „Segelfahrt" (datiert
1878), Defregger, Dietz, Max, Habermann und
Trübner in guten Proben der Münchener Malkultur
, jeweils durchsetzt von eigenem und echten
Künstlerwillen. F. Hodler erfreut außer durch
ein frühes fesches Selbstporträt und außer einem,
spätere Stilprinzipien schon gut andeutenden „Hafen
von Genf" (1877), namentlich durch ein starkes
und ganz eigenes Genrebild „Mutter und Kind".
Von Segantini ist eines seiner populärsten Hauptwerke
in Köln: das durch lautere und intensive
Eindringlichkeit der Stimmung ausgezeichnete „Ave
Maria".
Ein Ausschnitt aus der grandiosen, die starke
Tradition nie unterbrechenden Entwicklung der französischen
Malerei ist merkwürdig abgerundet in
Kölner Privatbesitz vertreten: die Schule von Bar-
bizon. Hingegen vermißt man den Impressionismus
— bis auf ein charakteristisches Bild von Pissarro
— völlig. Nichts Köstlicheres an inniger
Naturliebe, als etwa das „Wasserschlößchen" von
Corot in seinem silbrigen Luftton mit den pikant
eingesetzten Farbtupfen. Samtartiger Schmelz
liegt über Rousseau's „Abendlandschaft", deren
verblassende Sonnenglut die saftigen Farben noch
einmal aufblühen läßt. Daubigny und Diaz zeigen
Landschaften von ähnlichem Stimmungszauber,
Diaz zudem eine mythologische Szene „Venus
und Amor", bei der das tiefe Laubgrün mit dem
Rot des Gewandes und dem süßen Fleischton sich
vereinigen, um mit Unterstützung der Lionardes-
ken Geste einen harmonischen Zusammenklang
zu geben. — Der erste Großmeister der Moderne,
Delacroix, ist nur mit einer Zeichnung hier;
dann, der seinerzeit wie wenige populär gewesen,
Meissonier mit einem malerisch äußerst subtil
behandelten Kavalier; Neuville mit einem „Verwundeten
Reiter". L£paulle gibt einen verwunderlich
tieftonigen, an Gericaults Art gemahnenden
„Schimmel im Stall". Courbets herrliche Kraft
zeigt sich in einer Ansicht seiner Geburtsstadt
Omans; und eine deutliche Erinnerung an des
Meisters Landschaftsauffassung lebt in den Bildern
des neuerdings wieder mehr beachteten Paul
Guigou (1834—71). Auch von Isabey, Jongkind
und Ziem sind Proben hier. — Das galante Leben
des Hofes unter dem dritten Napoleon veranschaulichen
die reichbewegten Zeichnungen (Tänzerinnen
und Hofdamen) des Constantin Guys. Ganz abseits
von all den genannten steht als der Modernste
P. Gauguin, von dem man hier kostbare Proben
koloristischer Intensität sieht in zwei Porträts und
einer tahitanischen Landschaft.
Wir dürfen stolz sein auf so viel herrliche Werke
der Malerei aus einer begrenzten Epoche und vereinigt
in einer Stadt, und wir wollen uns freuen,
daß es — wie diese Ausstellung erweist — einem
umsichtigen, tatkräftigen Kunstführer gelingen
konnte, eine solche im guten Sinne instruktive
Kunstschau zusammen zu bringen.
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