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DIE WINTERAUSSTELLUNG DER MÜNCHNER SECESSION
LEO SAMBERGER
KREUZIGUNGSSKIZZE (1886)
Winterausstellung der Münchner Secession
heißen nationalen Spaniertum. Zuloaga liebt
sein Vaterland, seines Vaterlands Landschaft
und seine Städte, seine Sitten und seine absonderliche
Kultur, seine Männer, seine Frauen.
Er ist entzückt von der etwas bizarren Silhouette
aller spanischen Erscheinungen, von
der berauschenden Buntheit spanischer Farben.
Als ein Künstler von leidenschaftlicher Sinnlichkeit
und von romanischem Temperament
überbietet er alle Realitäten um ein Beträchtliches
in seinen Nachschilderungen, die eigentlich
Nachschöpfungen von hohem Eigengehalt
sind. Treten wir einem Gemälde wie seinem
bildnismäßig behandelten spanischen Kardinal,
einem seiner jüngsten Werke, gegenüber, so
haben wir auf einer Leinwand alle Elemente
von Zuloagas Kunst beisammen. Ohne daß
wir in irgendeiner Hinsicht eine Abhängigkeit
Zuloagas von den Klassikern seines Landes
verspürten, empfinden wir doch, daß dieser
Kardinal ein Verwandter jener kühnen Greco-
Kardinäle ist, deren imposantester der Inquisitor
der Sammlung Nemes ist. Und da ist
auch jener junge, geistliche Famulus, halb
Page, halb Ephebe, den wir von Murillos
Heiligen-Bild „St. Thomas von Villanueva
segnet einen Lahmen" (Alte Pinakothek in
München) kennen. Zur Linken aber, auf dem
Tischchen mit dem großblumigen Teppich,
baut sich ein erlesenes farbenrauschiges Stillleben
auf, und in bauschige Falten gerafft
prangt in Rubensscher Fülle ein Vorhang, der
den Blick freigibt auf die Landschaft Spaniens.
Eine faszinierende Malerei, die in dem zweierlei
Rot der Kardinalsgewandung und in dem tiefen,
saftigsatten Blau des Himmels ihre stärksten Akzente
aufweist, vereinigt sich mit rassiger
Linienführung und origineller Komposition.
Und so viel altmeisterliche Momente man auch
an dem Gemälde finden mag, ein moderner
Künstlerwille gestaltet sie sich und uns neu,
macht sie sich selbst zu eigen, körpert sie
seinem Ingenium ein.
Das ist Ignacio Zuloaga. Seine hier ge-
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