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DIE WINTER AUSSTELLUNG DER MÜNCHNER SECESSION
LEO SAMBERGER P.GIETMANN S.J. f. KOHLEZEICHNUNG (1906)
Winterausstellung der Münchner Secession
zeigten fünfundzwanzig Gemälde sind fortgesetzte
lustige Attacken auf unsere Nerven.
Seine Kunst kann niemand ruhig und gleichmütig
hinnehmen. Sie reizt auf, sie reißt
mit. Sie hat etwas Predigerhaftes natürlich
im künstlerischen Sinn und ohne alle lehrhafte
Absicht. Denn das Motiv tut da kaum
etwas zur Sache. Gleichwohl soll auch das
Thematische von Zuloagas Kunst wenigstens
angedeutet sein: Da sieht man alte Kapellane
mit merkwürdig nach innen gekehrten Augen
neben den leichtfertigsten katalonischen Lustweibchen
, auf deren müden Augenlidern in
dichten Schichten Puder und Schminke zu
liegen scheinen, da sind Zwerge und Stierkämpfer
, Bettler und Bauern, Dirnen und
Fürstinnen. Neben dem blutigen Kruzifixus
steht ein kleines Mädel, das schon verdorbene
Augen hat, oder es versammelt sich eine Wolke
Volkes aller Art. Dort aber prahlt der Prunk
alter Dome über grauen, dämmerigen Städten
von gespenstischem Aussehen; es lacht die
Anmut Alt-Kastiliens aus weit über ferne
Hügel hingestreuten Dörfern und Gehöften . . .
So wie es Zuloaga malt, lebt das romantische
Spanien in unserer Vorstellung: das Land
Philipps II. und der Inquisition, das Land
Calderons, das zugleich das Land des Sancho
Pansa ist und des sinnreichen Junkers von
der Mancha . . .
In eine andere, uns nähere, greifbare aber
durch strenges Künstlertum geadelte Welt
führt uns Leo Samberger*, Münchens stärkste
Porträtbegabung, ein Künstler, der nicht mit
dem für ihn zur Formel gewordenen Satz ab-
zutun ist: es sei ihm Lenbachs Erbe zuge-
* Siehe auch unseren Aufsatz über diesen Künstler im Jahrgang
1902/3, Seite 370 u. f.
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