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DIE WINTER AUSSTELLUNG DER MÜNCHNER SECESSION
den Selbstbildnissen der Jahre 1882, 1884
und 1885 (letzteres erscheint mir besonders
interessant: es hätte leicht den Ausgangspunkt
für eine durchaus impressionistische
Malweise Sambergers bilden können!) bis zu
dem mit Courbetscher Verve gemalten Doppelporträt
„Großvater und Enkel* (1910) führt.
LEO SAMBERGER
Winterausstellung der Münchner Secession
Als ragende Male auf dieser Kunstfahrt, die
das Impulshafte eines Siegeszuges hat, stehen
Sambergers Selbstbildnisse da. Sie sind nicht
Dokumente irgendeiner Art von Selbstgefälligkeit
, sondern man fühlt und erkennt in
ihnen etwas wie ein Hineinhorchen des Künstlers
in sich selbst, man verspürt Sambergers
Sehnsucht, mit der eigenen Persönlichkeit und
dem eigenen Charakter ins Reine zu kommen,
um künstlerisch ganz frei zu sein. Das alles
natürlich außerhalb der ausgesprochen malerischen
Absichten dieser Bilder, in denen allerdings
oft der grüblerische Zug, der Samberger
eigen ist, und das Düstere und Ueberernste seines
Wesens, auch im technischen Ausdruck, markant
in die Erscheinung tritt. Das schönste,
malerisch reizvollste dieser Selbstbildnisse ist
das in schlichter Selbstverständlichkeit
hingemalte Porträt
aus dem Jahre 1894, das
auch in der maßvollen farbigen
Stimmung, die auf den
bestimmenden Dreiklang:
Rotbraun, Weiß, Schwarz
geht, von wundervollem Eindruck
ist.
Besonders gerne porträtiert
Samberger seine Künstler-
Kollegen. Zuweilen sind es
blitzartig festgehaltene geniale
Schwarz-Weiß - Improvisationen
, oft genug aus einer
heiteren Allotria - Stimmung
geboren, meist aber handelt
es sich um bis ins letzte
Detail gearbeitete Bildnisse,
denen man die solide handwerkliche
Arbeit in jedem
sicher sitzenden Pinselstrich
anmerkt und die zugleich
jene prachtvolle Individualitätsstimmung
ausströmen, die
zum Charakter des Porträtierten
gehört. Beispiele
machen das klar. Man merkt
aus Sambergers Bildnissen
von Bradl, Welti, Wenglein,
daß die „Modelle" dieser Porträte
vergnügte Herren sind.
Andererseits ist bei Gabriel
Seidl und W. L. Lehmann der
sinnierliche Zug in den Vordergrund
gerückt, bei Dasio
wurde der Impuls seines
Naturells festgehalten, bei
Julius Diez die ironischeWelt-
anschauung, bei Wopfner die Melancholie. Aber
auch wo es sich nicht um Kollegen handelt,
ist die Porträtpsychologie eine absolut zutreffende
und ungewöhnlich scharfe: der Arzt, der
Kaufmann, der Musiker, der Kunstgelehrte,
der Geistliche sind mit einer Prägnanz bildlich
dargestellt, daß man sich der Ansicht nicht verschließen
kann, es müsse wahr sein, daß der
Beruf des Menschen sich physiognomisch
widerspiegeln könne.
MAXIMILIAN DASIO (1903)
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