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KULTURGESCHICHTE I
LICHE GRUNDLAGEN DER j
DEUTSCHEN MALEREI j
Von Berthold Haendcke
III*) [
Treten wir nun dem künstlerischen j
Schaffen näher, so strahlt uns zu- |
nächst das hell leuchtende Licht der i
Dichtkunst im weiten Begriff des Wor- i
tes entgegen. Die vaterländisch-mittel- i
alterliche Sinnesart sei zunächst heraus- 1
gehoben. Erinnern wir uns daran, daß
seit der Mitte des 18. Jahrhunderts die
„Schweizer" die mittelhochdeutschen ,
Heldengedichte, „Krimhildens Rache (
und Klage", den „Parsival" herausge- i
geben hatten, daß Klopstock mit seiner |
Bardenlyrik eine neue vaterländische I
Strömung in unserer Dichtung breitem j
Flußgebiet hervorbrechen ließ. Die '
jungen Göttinger Dichter wählten „dem
deutschen Hain" Wodan zu ihrem
Wahrzeichen und Gerstenberg besingt (
(1766) die „Götterdämmerung". Diese ,
Liebe zur altdeutschen Dichtung er- i
kältete nicht wieder. Uhland hat einen i
Grund hiefür angegeben, wenn er
schreibt: was die klassischen Dichtwerke
trotz meines eifrigen Lebens
mir nicht geben konnten, weil sie mir
zu klar, zu fertig bestunden, was ich
in der neuen Poesie mit all ihrem ,
rhetorischen Schmuck vermißte, das i
fand ich im Waltharilied: frische Bilder i
und Gestalten mit einem tiefen Hinter- i
grund, der die Phantasie beschäftigte 1
und ansprach. Der deutsche National- 1
geist warf aber noch stärker die
fremdländischen Einflüsse zurück mittels
Lessings scharfem kritisch-dichterischem Vermögen
. Lessings „Minna von Barnhelm" wie
sein „Philotas" (1759) sind „die wahrsten Ausgeburten
" des Siebenjährigen Krieges. Als
Gleims (1758) und Kleists vaterländische Dichtungen
erschienen, entlockten sie Lessing sogar
den Ausruf: „Eine Kompagnie solcher
Poeten, so will ich den ganzen französischen
Witz zum Teufel jagen!"
Wielands „Deutscher Merkur" (1773), Boies ,
„Deutsches Museum" (1776) sorgten bewußt i
für die Ausbildung der heranreifenden Bil- i
dung der weiten Kreise, während Riggers i
ignacio zuloaga
antonia, die tänzerin
Winterausstellung der Münchner Secession. — Phot. Vizzavona, Paris
{ düngen aller dieser schönen Arbeiten sind wohl
( zur Stelle, aber es muß ihnen, außerhalb des
) architektonischen Rahmens und dem mitge-
) staltenden Licht entrückt, natürlicherweise die
) tiefere Eindrucksfähigkeit fehlen. So ist es denn
) besser, wenn sich die Besucher der Ausstel-
/ lung an seine Werke „reiner" Skulptur und an
J seine mannigfaltige graziöse Kleinplastik halten.
( Freilich verrückt das einigermaßen den Standes
punkt der Einwertung, denn Floßmanns höhere
\ und weiter tragende Bedeutung liegt zweifellos
J auf kunstgewerblichem Gebiete. Aber dennoch
) darf dies niemand abhalten, sich an Floßmanns
) inniger Madonnengruppe, an seiner „Mutter
) mit zwei Kindern", an seinen Büsten restlos
j und von Herzen zu freuen. *} Fortselzung von Seite 157. j
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