http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0269
KULTURGESCHICHTLICHE GRUNDLAGEN DER DEUTSCHEN MALEREI
JOSEF FLOSSMANN
DIE KLUGE UND DIE TÖRICHTE JUNGFRAU, P O R T A L F I G U R E N FÜR
DIE HÖHERE TÖCHTERSCHULE, MÜNCHEN (GIPSMODELLE, 1902)
Winterausstellung der Münchener Secession
Allerdings nur indirekt, denn der durchgehende
Zug ist ein kosmopolitischer, im Sinne der ersten
Romantik. Beide Pädagogen verlangten
grundsätzlich dasselbe. Allgemeine Emporbildung
der inneren Kräfte der Menschennatur zu
reiner Menschenweisheit ist allgemeiner Zweck
der Bildung auch der niedrigsten Menschen.
Uebung, Anwendung und Gebrauch seiner
Kräfte und Weisheit in den besonderen Lagen
und Umständen der Menschheit ist Berufs- und
Standesbildung. Diese muß immer dem allgemeinen
Zweck der Menschenbildung untergeordnet
sein. Damit gelangen wir wieder zu
dem sehr maßgebenden Gesichtspunkt der
„Sturm- und Drangperiode" wie der frühen
Romantik, zur Weltbürgerlichkeit. Sie hat ihren
stärksten, poetisch verklärten Ausdruck in
Schillers „Don Carlos" (1787) gefunden.
Diesem mehr praktischen Wesen der ganzen
Epoche, die noch von verschiedenartigen Anschauungen
, Ansichten und Empfindungen hin-
und hergeworfen wurde, entsprach es, wenn wir
gleichzeitig literarische Arbeiten finden, die
sich dem einzelnen Menschen im Alltagsleben
zuwenden. Wir sehen, wie die heimischen Volkslieder
gesammelt werden, wie die Kunstdichter
sich mühen, im Volkston zu dichten und zu
singen. In möglichst naturgetreuer Weise wird
das Leben der Bauern, Winzer, Fischer, die sogar
in der heimischen Mundart reden, geschildert.
Die auf tatsächlichen Ereignissen beruhende
Geschichte „Heinrich Stillings Jugend" (1777)
wird von Freiligrath als die erste deutsche
Dorfgeschichte gepriesen.
Abermals tat sich ein weiter Blick in eine
neue Welt auf, die dem 18. Jahrhundert nur
207
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0269