Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 208
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I KULTURGESCHICHTLICHE GRUNDLAGEN DER DEUTSCHEN MALEREI |

in griechisch-idealisierender Verkleidung erfreulich
gewesen war. Die liebenswürdig-
empfindungsreiche, noch im Rokokostil gehaltene
Naturschilderung Geßners atmet bereits
eine neue Auffassung, der wir stärker
von dem persönlichen Ich erfüllt in E. v. Kleist
großen Gedichten, etwa im „Landleben" oder
im „Frühling" begegnen. Ueberall tritt uns
jetzt die Freude an der Natur und an ihren
Gebilden entgegen. Goethes Werther ist auch
darin ein charakteristisches Werk. Uns liegt
zunächst aber die Beantwortung der Frage nach
dem Verhältnis der Menschen zur Natur ob.
Es ist ein im innersten Wesen religiöses.
Forster schreibt (1781): „Uns peinigt nichts
Geringeres als Wahrheit, und diese bietet uns
die Betrachtung der Schöpfung in überschwenglichem
Maße. Die Natur, es sei als Wirkung
oder wirkende Kraft, bleibt allezeit die erste
unmittelbare Offenbarung Gottes an einen jeden
von uns." Novalis wurde einer der edelsten
Träger einer schwärmerischen Naturbegeisterung
, der in seinem „ Heinrich von Ofterdingen"
die im Abend- und Morgenland, im Bergesdunkel
und Festesglanz, in Liebe und Pilgerschaft
gesuchte „Blaue Blume" der Romantik
als ihr Wahrzeichen brachte. Er hatte Fichtes
Philosophie mit dem Herzen erfaßt. Bei
Schleiermacher heißt es: „Wenn der Himmel
über mir von unzähligen Sternen wimmelt,
der Wind durch den weiten Raum saust, die
Woge brausend in der weiten Nacht sich bricht,
über dem Walde sich der Aether rötet und
die Sonne die Welt erleuchtet, das Tal dampft,
und ich werfe mich im Grase unter funkelnden
Tautropfen hin, jedes Blatt und jeder
Grashalm von Leben wimmelt, die Erde lebt
und sich unter mir regt, alles in einem Akkord
zusammen tönet, da jauchzet die Seele laut
auf und fliegt umher in dem unermeßlichen
Raum um mich, es ist kein unten mehr und
kein oben mehr, keine Zeit, kein Anfang und
kein Ende, ich höre und fühle den lebendigen
Odem Gottes, der die Welt hält und trägt,
in dem alles lebt und würkt; hier ist das
Höchste, was wir ahnen, — Gott! — Dieses
tiefste Ahnen unserer Seele, daß Gott über
uns ist.....Das ist das gewisseste, deutlichste
Bewußtsein unserer selbst und unserer

eigenen Ewigkeit.......Diese Empfindung

des Zusammenhanges des ganzen Universums
mit uns; dies jauchzende Entzücken des inbestimmte
Gedanken in uns. Wir drücken
diese Gedanken aus in Worten, Tönen oder
Bildern, und erregen so in der Brust des
Menschen neben uns dieselbe Empfindung.
Die Wahrheit der Empfindung ergreift alle.
Alle fühlen sich mit in diesem Zusammenhang,
alle loben den einigen Gott, die Ihn empfinden
; und so entsteht die Religion." — Nach
Novalis sollte der geniale Dichter die ganze
Welt sich dienstbar machen können. Wie
zart und tief von dem innersten Wesen der
landschaftlichen Umgebung all diese Männer
erfüllt waren, läßt jeden noch heutige Tages
voll tiefer Ergriffenheit fühlen, wenn er
Hölderlins (geb. 1770) „Feldeinsamkeit" liest.
Die leidenschaftliche Sehnsucht der Zeit nach
dem goldenen Zeitalter, nach dem Lande,
wo gut und edel die Menschen, wo sonnenheiter
und schönheitsvoll Himmel und Erde
sich zeigen, bringt uns derselbe gottbegnadete
junge Dichter in seinem machtvoll
und packenden „Schicksalslied" zu Gehör.
Tieck wird aber hier überall die maßgebende
Persönlichkeit. Er führt uns in die von
stimmungsvollen Schauern erfüllte Waldeinsamkeit
, in das Unheimliche der Gebirgswelt
und in die lachende Feld- und Wiesenblumenwelt
. Einer seiner begeistertsten Nachfolger war
ein Maler P. O. Runge in Hamburg. Der Maler-
Dichter erlebt und sieht den Stimmungs- und
Farbengehalt der landschaftlichen Natur. „Es hat
noch keinen Landschafter gegeben, der eigentliche
Bedeutung in seinen Landschaften hätte,
der Allegorien und deutliche schöne Gedanken
in eine Landschaft gebracht hätte. Wer sieht
nicht Geister auf den Wolken beim Untergang
der Sonne? Wem schweben nicht die
deutlichsten Gedanken vor die Seele? Entsteht
nicht ein Kunstwerk nur in dem Moment,
wenn ich deutlich einen Zusammenhang mit
dem Universum vernehme?" Am 7. November
1802 heißt es weiter: „. . . Wenn wir so in
der ganzen Natur nur unser Leben sehen, so
ist es klar, daß dann erst die rechte Landschaft
entstehen muß, als völlig entgegengesetzt der
menschlichen oder historischen Komposition."

Es drängt sich alles zur Landschaft ... ist
denn in dieser neuen Kunst — der Landschafterei
, wenn man so will, nicht auch ein höchster
Punkt zu erreichen, der vielleicht noch schöner
wird wie die vorigen?

Ehe wir aber in die Geschichte profaner und

nigsten lebendigsten Geistes unsrer Seele..... religiöser Historienmalerei eintreten, sei seinen

ß

— dies treibt und preßt uns in der Brust,
uns mitzuteilen; wir halten die höchsten Punkte
dieser Empfindungen fest und so entstehen

historischen Grundlagen nach noch eines anderen
Motives gedacht. '
(Die Fortsetzung folgt)

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