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VON AUSSTELLUNGEN j
f. e. morgenstern
nis. Er braucht keine Symbole. Er findet in den einfachsten
Gebärden den Ausdruck jener Urtriebe,
in deren Höherentwicklung Forschung und Wissenschaft
entstanden. So ist das Bild der „Alma mater"
in Kristiania, so der „Sommertag" bei Cassirer, und
es ist bezeichnend, daß ein ganz banaler Titel dem
Bilde genügen kann, wie früher den „Dorfstraßen",
deren eine in der Eröffnungsausstellung Cassirers
zu sehen war. Münchs Bilder sind nicht literarisch
im Sinne historischer oder allegorischer Darstellungen
. Münch sieht in den Dingen dieser Welt mehr
als wir anderen, er hat „das zweite Gesicht", und
er gestaltet zugleich ein Tieferes, wenn er ein paar
Menschen unter einem Baume malt oder ein Mädchen
auf einer Straße. Man soll nicht versuchen, mit
Worten an diese Dinge zu rühren, und man soll
von der Form reden, da durch mehr oder weniger
poetische Umschreibungen guter und böser Freunde
diesen Bildern schon viel Unrecht geschehen. Man
staunt, wie das eine Bild den großen Saal bei Cassirer
füllt, wie das Gesicht des Raumes verändert
ist nach dem Vielerlei der ersten Ausstellung. Der
Maßstab allein tut es nicht. Es ist die Größe der
Anschauung in diesem Bilde, in dem nichts leer
beguinenhof
ist, wie in so vielem heut, das sich groß gebärdet
und monumental heißen möchte. Münch war in
kleinen Bildern früher der Gefahr des Plakates viel
näher als heute. In einem Bilde wie der „Dorfstraße
" waren die Flächen aufs äußerste gespannt.
Münch muß sich dessen bewußt gewesen sein, denn
er zerstörte noch einmal, was er besessen, er zerlegte
die Farbe, die er zuvor in großen Flächen zusammengehalten
hatte. Bei Cassirer sind die zwei
Bilder aus Warnemünde Zeugen dieser Entwicklung.
Und wie Münch auch darüber hinaus wieder zu
einer Beruhigung kam, innerhalb eines neuen farbigen
und formalen Reichtums, zeigen die neuesten
Landschaften, das Schneebild, die Eisenbahn, die
Straße in Kragerö mit den gelben Dächern und dem
rechts unten in einer Ecke verschwindenden Mädchentrupp
. Als Formenbau ist dieses Bild ebenso
bewundernswert wie in der farbigen Komposition,
die geradenwegs hinführt auf das starke Orangegelb
der Dächer, das in der Ecke mit den bunten Kleidern
der Mädchen ein Gegengewicht findet. Der Höhepunkt
ist dann das große Gemälde des Sommertages
. Leopold von Kalckreuths Bilder, die
daneben hängen, müssen fahl und nüchtern wirken
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