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MAX LIEBERMANN
deutung gelangt ist. Etwas Aehnliches läßt sich
freilich von allen großen Künstlern sagen ;
doch von keinem unserer modernen Deutschen
in so besonderem und eigentlichem Sinne
wie von ihm. Leibi z. B., dessen Größe der
ganzen Welt gehört, steht losgelöst von Köln
oder München da. Menzel dagegen ist tiefer
als Liebermann in sein Berlinertum verstrickt
und entbehrt, vollends in seiner späteren Entwicklung
, des Zusammenhanges mit dem Entwicklungsgange
der europäischen Malerei.
Er muß als ein Spezialfall oder als eine Abnormität
angesehen werden, — was ohne boshaften
Seitenblick auf seine Körperlichkeit
gemeint ist. Man könnte verschiedene Lehrer
Liebermanns nennen, mit dem größesten Rechte
wohl Steffeck, doch würde damit nur ein
äußerlicher Zusammenhang bezeichnet werden.
Denn der junge Liebermann darf nicht etwa
in demselben Sinne als Steffeckschüler gelten,
wie der junge Steffeck als Schüler Krügers.
Vielmehr verhält es sich so, daß Liebermann
den Geist der Berliner Schule repräsentiert,
den ehedem auf seine Art ein Krüger darstellte.
Noch immer können wir, wenn auch schwieriger
als früher, den Genius der deutschen
Lokalschulen erkennen — aller internationalen
Bildung zum Trotz. Wir verfolgen Jahrzehnte
hindurch gewisse Charakterzüge als münchnerisch
, sächsisch, wienerisch; nirgendwo
werden sie so deutlich wie in der Berliner
Schule. Denn nirgendwo fand der Lokalgeist
eine so erlauchte Deszendenz seiner Vertreter.
Zuerst kommt der bescheidene fleißige Chodo-
wiecki, dann der große Schadow, dann der
tüchtige Krüger, dann der geistreiche Menzel
und nun als Jüngster Liebermann. An Begabung
sind diese Männer verschieden genug,
doch tragen sie alle eine gewisse Familienähnlichkeit
; fühlen sich auch, so weit sie
einander kennen konnten, als geistesverwandt.
Auf ihnen ruht das Gebäude der Berliner
Schule wie auf Säulen. Sie alle (auch Schadow!)
galten einmal als Naturalisten. Sie waren treu
und streng gegen sich selbst, klar und folgerichtig
in ihrer Entwicklung, allem Phantastischen
abgeneigt, fleißig und nüchtern in dem
hohen Sinne, wie echte Künstler nüchtern
MAX LIEBER AI ANN K U H H I R T I N (1892) V
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