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j MAX LIEBERMANN
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rein, so pointiert verkörpert wie Liebermann.
Seine Zeichnungen beweisen es.
Der Zeichner Liebermann ist nicht so sehr
ein Meister des großen Umrisses wie Millet,
auch nicht ein witziger Interpret der Einzelheit
wie Menzel, er ist vielmehr ein Meister der
Nuance des Lebens und als solcher von Keinem
übertroffen. Liebermann zeichnet nicht etwa
schlechthin das Geschehen oder die Bewegung
eines Menschen, sondern vielmehr das flüchtige
Etwas, das die Bewegung als individuell erscheinen
läßt — etwas Unbeschreibliches, von keiner
Maschine zu Fixierendes, etwas Unnachahmliches
und nur Nachzufühlendes. Liebermann
erhascht es im Fluge. Hier wirkt seine Begabung
Wunder und zwar am meisten, je einfacher
der geschilderte Vorgang ist. So muß
es auch sein, weil ein großer Gestus immer
die Nuance übertönt. Aus demselben Grunde
haben die größten Landschafter sich an die
einfachste Natur gehalten. Darum sind auch
Liebermanns echtesten Bilder jene, die das
Alltägliche darstellen — Bauernkinder, Arbeiter
in der Werkstatt oder auf dem Felde,
Damen und Herren beim Sport und Spiel,
schmucklose Bildnisse und schlichte Landschaften
. Ueberall wird das Objekt scharf
und treu beobachtet, nach seinem Charakter
befragt, kurz und treffend gedeutet und damit
vergeistigt, veredelt. Das hohe Ziel dieses
sogenannten Naturalismus wird erreicht,
wenn Menschen und Dinge ihre eigene Sprache
zu reden scheinen, während doch nur der
Künstler von seiner Vision spricht. Wo Liebermann
sich höherer Aufgaben vermißt und auf
andere Art geistreich, pathetisch oder monumental
wirken wollte, da hat er nicht mehr,
sondern weniger gegeben. Auf dem „Christus
im Tempel" z. B. wird Komödie gespielt.
Solche problematischen Werke Liebermanns
wird man häufiger in seiner Frühzeit finden.
Aus seinem späteren Lebenswerk sind sie
verschwunden, wie es denn das Vorrecht des
bejahrten Meisters ist, daß er immer deutlicher
und stärker das innerste Wesen seiner
Begabung aussprechen darf als einer, der nicht
mehr den Menschen dient, sondern dem die
Menschen dienen.
MAX LIEBERMANN
RADIERUNG
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