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MEINE ERINNERUNGEN AN KARL STAUFFER UND W1LH. SCHÄFERS BUCH |
gewesen, es hätte keinen Skandal ]
gegeben, nein, die Kleider des I
schlampigsten Modells hatte sich I
der Realist Stauffer übergezogen und ]
war als „Mensch" auf der Kneipe
gewesen. Und der Humor der Sache
war ja gerade der, daß er die Ver- <
kleidung ganz vergessen hatte, als j
er den Offizier ansprach. Hätte der i
Verfasser meinen Bericht ebenso |
wörtlich abgedruckt wie z. B. die !
SchilderungderRaabschule(S.82 ff.), '
so würde er nicht, wie es bei ihm
erscheint, Stauffer eine Ungezogenheit
zugeschrieben haben, die sich
in Wirklichkeit als ein ganz harm- (
loser, fröhlicher Streich heraus- |
stellte. — Falsch ist es auch, was
der Verfasser den Stauffer über den
schädlichen Einfluß der Raabschule
für den späteren Maler sagen läßt
(S. 87). Was er hier meinen Erinnerungen
entnimmt, ist meine
Ansicht jetzt, 20 Jahre nach Stauffers
Tod. Hätte er oder ich geahnt,
welche unendlichen Schwierigkeiten
Raabs eindringlicher Unterricht uns
beim Erlernen der Maltechnik bereitete
, wir wären — er voran —
dem Raab fortgelaufen, trotz aller
Verehrung, die ich noch heute dem
Meister bewahre.— Ungehörig muß
ich es nennen, wenn der Verfasser
das Wort, das ich von mir selbst gebrauche
(a. a. O.), nämlich von der „öden Energie"
(S. 130), mit der ich an einer riesigen
Schwarte herummalte, als von Stauffer herrührend
zu seinem eigenen macht. Ungehörig
auch, daß er die Szene, die den Bruch zwischen
mir und Stauffer schildert (S. 140), durch Fortlassung
der Stauffers ganz ungehöriges Benehmen
kennzeichnenden Details zu meinen
Ungunsten verändert. Was der Verfasser entnehmen
wollte, konnte er wörtlich und vollständig
nachdrucken. Mein Gedächtnis und
meine Wahrheitsliebe verbürgen die Wahrheit
meiner Schilderungen, und eine Färbung der
Dinge zu meinen Gunsten aus Eitelkeit oder
künstlerischer Rache usw. kann niemand annehmen
, der es weiß, daß ich, selbst in sehr
bescheidenen Verhältnissen lebend, einen gleichaltrigen
Kollegen aus Begeisterung für seine
Begabung über meine Kräfte unterstützte. —
Ich komme jetzt zu dem ernsteren Teil meiner
Nichtübereinstimmung mit dem Verfasser. Das
Tragische in Stauffers Leben hat ihn dazu ge-
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MAX LIEBERMANN
GEORG BRANDES (1912)
richtete, während es heute wohl richtiger
scheint, sein Vorbild von Ausstellung zu Ausstellung
zu wechseln.
Ferner: Schäfer führt den Maler Kispert
ein (S. 94), mit dem ich über Jahr und Tag
ein Atelier bei Prof. A. Müller teilte, und
dessen Namen außer mir (a. a. O.) wohl niemand
überliefert hat, aber der war alles eher
als ein schwächlicher Mensch, im Gegenteil,
mit Ausnahme vielleicht des bei Casamicciola
verunglückten Schweizers Boos, wohl der körperlich
stärkste in unserer Schar, die die
Freude an Turnen und Schwimmen zusammenführte
. Er hatte einen wundervollen athletisch
ausgebildeten Körper, dessen prächtige Muskulatur
sehr abstach von Stauffers immer
etwas babyartigem Körper, der sehr zur Fettbildung
neigte.
Die Erzählung von Stauffers Arretierung in
Frauenkleidung (S. 88) hat der Verfasser ebenfalls
größtenteils wörtlich meinem Aufsatz entnommen
, aber wie geschmacklos geändert!
Wäre Stauffer als Berner „Maidschi" kostümiert
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