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MEINE ERINNERUNGEN AN KARL STAUFFER UND WILH. SCHÄFERS BUCH
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reizt, diese Autobiographie zu erfinden, aber
ich finde nirgends eine stichhaltige Bezeichnung
dessen, was denn eigentlich das Tragische,
die verhängnisvolle Unrast in Stauffers Leben
hervorgerufen hat, was den armen Kerl von
Kunst zu Kunst, von Technik zu Technik trieb.
Der Fehler liegt einmal darin, daß der Verfasser
Stauffer nicht im Zusammenhang mit
seiner Zeit betrachtet, und dann darin, daß er
die verhängnisvollste Lücke in Stauffers Begabung
nicht herausfindet. Beides steht in
einem unlöslichen Zusammenhang, ich kann
aber meine Ansicht darüber hier nur andeutungsweise
niederschreiben, ich müßte sonst die
Tragödie der Künstler überhaupt schreiben,
die das Schicksal in eine Uebergangszeit gestellt
hat. Vielleicht macht sich daran einmal
ein Berufenerer. Es muß aber einer sein, der
das alles an eigenem Leib, an eigener Seele erfahren
hat. Mit psychologischen Spekulationen
ist da nichts auszurichten.
Wir wurden Schüler der Epigonen einer
Zeit, die man eine große nennt, weil ihr Wollen
ein großes war, der Zeit der Cornelius usw.
Man führte uns in die Glyptothek, wo wir
Fresken bewundern mußten, auf denen entsetzliche
Kerle jede Lanze, jedes Schwert mit
dem Bewußtsein in einer historischen Komposition
zu stehen, dieser Komposition zuliebe
so handhaben, daß die ganze Komposition zum
Teufel ginge, wenn auch nur einer von ihnen
eine Bewegung mit der Waffe ausgeführt hätte.
Damit fing der Unterricht an. Dann kam die
Naturklasse. Bei Raab intimstes Detailstudium,
bei den andern malerische Behandlung in
Schwarz und Weiß. Plötzlich trat Löfftz auf,
der auf Holbein zurückgriff und nun das
Allheilmittel gefunden haben sollte. Von Löfftz
ging's zu Diez, der das Helldunkel der Niederländer
als einzig erstrebenswertes Ziel lehrte.
Die Generation vor uns hatte das Glück zu
Piloty zu kommen, dem fruchtbarsten Lehrer
aller Zeiten, der jeden malen ließ, was und
wie er wollte, der aber unerbittlich darauf sah,
daß man „von dem approximativen Skizzieren,
das ja immer talentvoll wirke, zu einer wirklich
fertig durchgeführten Arbeit gelangte, an
der erst das Maß künstlerischer Reife genommen
werden könne". Piloty war zu unserer
Zeit bereits schwer leidend und so stand der
MAX LIEBER MANN
SIMSON UND DELILA
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