Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 230
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I MEINE ERINNERUNGEN AN KARL STAUFFER UND WILH. SCHÄFERS BUCH

Zeit, namentlich von der Erfindung der Trockenplatte
an, einen Einfluß ausgeübt hat; darüber
vielleicht ein andermal ausführlicher.

Mit der Trockenplatte, deren Erfindung etwa
mit Stauffers ersten Erfolgen zeitlich zusammenfällt
, mit der Möglichkeit, sich einen Apparat
zu kaufen, selbst zu photographieren und
jetzt mit vervollkommneten Platten und un-
retuschierten Abdrücken zu hantieren, wurde
diese Technik Gemeingut aller Künstler, die
im Besitz einer Photographie — natürlich einer
guten, künstlerischen — die Möglichkeit hatten,
das Zusammenwirken von Form und Farbe,
wie es sich in der Übersetzung in Schwarz
und Weiß gestaltet, dauernd festzuhalten und
ein Studium bis ins letzte Detail durchzuführen
. Aber das Lichtbild bleibt immer nur
Hilfsmittel, es wird nie zum Ersatz für ein
Kunstwerk werden, warum? Weil bis auf das
Ohr alles im menschlichen Antlitz beweglich
ist, sein Relief und sein Verhältnis zu anderen
Teilen verändern kann, so daß dasselbe Gesicht
in derselben Beleuchtung unzählige Variationen
zeigen kann, die seiner Veränderung
durch den Ausdruck entsprechen. Aus der
Summe der von einer Person gewonnenen Erinnerungen
an ihre Ausdrucksformen setzt sich
der Eindruck der Person zusammen. Diesen
Eindruck soll ein gutes Porträt wiedergeben,
den Eindruck, den der Künstler von ihr bewahrt
, und das kann die Photographie niemals
leisten. Das ist eben Sache der künstlerischen
Begabung z. B. eines Frans Hals, der einen
blitzartig erfaßten Ausdruck festhalten konnte
bis zur Vollendung, dazu gehört ferner eine
große Liebe nicht nur zu der Form sondern
zu dem Menschen, so daß der Künstler sich
ganz in das Wesen des andern hinein denken
kann, zu fühlen imstande ist, wie der andere
geworden ist, wie er sein möchte, daß
er sich aufgeben und daß er, wie ein Dichter
die heterogensten Figuren so schaffen kann,
während der Produktion ganz in dem Darzustellenden
lebt, ganz ein anderer ist. Stauffer
hing fanatisch an der Durchbildung der Form
an sich. Er benutzte die Photographie wie
jeder andere, aber es fehlte ihm, um ganz groß zu
werden, an der Liebe zu dem Menschlichen,
zu der Seele. Und das war es nicht allein,
was seinen Bildnissen, trotz der ans Unbegreifliche
grenzenden Durchbildung der Form
— bis auf das Porträt Kleins — das Starre,
Steinerne gibt. Was ihm noch fehlte, war
Phantasie und ein Gedächtnis, das sich einen
Abwesenden auch in den Details vorstellen
konnte. Ich meine nicht die Phantasie, die

gänzlich Neues gestaltet, sondern eine Fähigkeit
, die imstande ist, uns von der Form, wie
sie gerade vor uns steht, zu befreien, sie in
der Vorstellung zu verändern, zu ergänzen aus
anderen Eindrücken, das Vorbereitende und
das Nachfolgende in den Mienen zu fühlen.
Es ist traurig und merkwürdig, daß der Mann,
zu dem mich eine schwärmerische Bewunderung
geführt hatte, so leer war an künstlerischen
Einfällen. Nicht der unbedeutendste
Entwurf zu einem Bilde, zu einer Figur war
ihm in der Zeit, wo wir zusammenlebten —
und das waren die Jahre, in denen jeder
seine Sehnsucht und seine Ziele weit hinausschickt
— in den Sinn gekommen. Einen Grund
mag das gehabt haben in dem, was auch zu
mancher Künstlertragödie unserer Zeit führte:
einerseits die Forderung: „Natur!" und andererseits
die Unmöglichkeit für die Intuition
das passende Vorbild in der Natur zu finden.
Daher ja eigentlich nur die Landschafts- und
Porträtmalerei jener Tage Erfreuliches leistete.
Wahrlich die Großen vergangener Zeiten
werden immer größer, je mehr man sich mit
diesem Problem beschäftigt. Ueber welche
Fülle von Erinnerung, von Gedächtnis menschlicher
Formen und Phantasie verfügte einer,
der z. B. den Zinsgroschen wie „nach der
Natur" malte. Das Gegenbild von Stauffer
können wir in seinem großen Landsmann
Böcklin sehen, der voll Phantasie und Erinnerungskraft
, niemals nach der Natur gemalt hat.
Wenn Stauffer Entwürfe machte, waren sie
stets — das hat meines Wissens auch niemand
berichtet — kunstgewerblicher Natur. Messergriffe
, Tafelaufsätze usw. Hier konnte sich
sein Formensinn fröhlich und leichtgestaltend
betätigen, und er würde, in unsere Zeit gestellt
, welche diesen Dingen eine weit wichtigere
Stelle zuweist, vielleicht auf diesem
Gebiete seine Ruhe gefunden haben. So war
er mit seiner großen Begabung für die Darstellung
der Form, die es ihm ermöglichte,
das vor ihm Befindliche besser wiederzugeben,
als andere, wie ein Mann, der alle Sprachen
spricht und auf einer Insel einsam leben muß.
Die Liebe — das Sich-aufgeben-können — das
Mitschöpferische und die Phantasie — das
Neuschöpferische waren ihm zur vollen Größe
versagt, und weil er das unbewußt spürte,
trieb es ihn durch alle Kunst von Jugend auf.
Das war die Tragödie seines Daseins. Die
Affäre mit der Frau Escher-Welti ist wahrlich
nur eine Episode gewesen, wie auch
Schäfer glaubt, nicht, wie andere meinen,

Stauffers eigentliche Tragödie.

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