Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 233
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0303
AUGUST GAUL

Das Dasein wirklicher Menschen vorzutäuschen,
daran dachte niemand. Ein Stein war ein Stein,
und er blieb es, auch wenn die Hand des
Menschen ihn zum Denkmal umschuf.

Einer verhältnismäßig späten Zeit schon
entstammt die Geschichte von der Kuh des
Myron, die eine Herde von Stieren für wirklich
nahm. Das Tier selbst sollte jetzt Täuschungen
erlegen sein, die bis dahin nicht
einmal der Mensch vom Kunstwerk verlangt
hatte. War in der vollkommenen Illusion das
Ziel der Kunst erreicht, so stand das Wachsfigurenkabinett
am Ende der Reihe, und schließlich
blieb die Frage, warum noch einmal bilden
, was die Natur an jedem Tage so mühelos
gestaltete.

In so gerader Linie verlief die Entwicklung
der Kunst in Europa nicht, aber nach mannigfachem
Auf und Nieder ist das 19. Jahrhundert
den Weg zu Ende gegangen. Es hat das
Panoptikum erfunden und mit ihm die konsequent
naturalistisch orientierte Aesthetik, die
sich selbst widerlegen mußte. Der Kampf
zwischen Naturalismus und Stilismus war die
Folge. Man flüchtete zurück zu den Stilen,
da man den Stil verloren hatte. Und nun begann
das künstliche Stilisieren. Man verkleidete
sich als italienischer Quattrocentist oder

als Tahitineger. Man zog die Glieder unwahrscheinlich
in die Länge, nur damit sie nicht
natürlich seien, oder man „stilisierte" die
Haare nach dem Vorbild antiker Bronzen.

Wir stehen heut selbst noch mitten inne in
dieser Kunst, und es ist schwer, schon in jedem
Falle mit Sicherheit zu entscheiden, was
unter diesen Begriff des Stilismus zu rechnen
ist. Schmal ist die Grenzscheide zwischen
Echtem und Falschem, aber „das beinahe Vollkommene
ist dem Unvollkommenen nahe",
sagt der chinesische Weise. Ist Marees einer
von den wenigen, in dem ein tiefer Formenwille
nach Gestaltung drängt, so sind manche,
die seinen Lehren zu folgen und darum es
ihm gleichzutun glauben, in Wahrheit nur
blinde Nachbeter uralter Formgedanken.

Man soll sich nicht wundern, daß diese
Sätze im Hinblick auf einen Künstler gesagt
wurden, dessen Werke so einfach scheinen,
als habe die Natur selbst sie geschaffen, als
brauche es keiner Worte, sie zu deuten. Gauls
Tiere sind wirklich, was sie vorstellen wollen.
Niemand zweifelt, daß dieser Löwe ein Löwe
ist, und diese Ente eine Ente. Sie sind so wenig
künstlich,daß sieerscheinenwiedieNaturselbst.
Und das gerade ist die größte Kunst in ihnen.

AUGUST GAUL GÄNSE

Die Kunst für Alle XXVIII.

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