Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 234
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i AUGUST GAUL

AU GUST GAUL

JUNGER LÖWE

Es wird niemandem einfallen, vor Gauls
Plastiken von Naturalismus zu reden oder von
Stilisierung, und doch ist beides in ihnen.
Beides geht aber so vollkommen und natürlich
ineinander auf, daß jeder Mensch überzeugt
sein muß, ein Löwe aus Bronze könne
gar nicht anders sein, als Gaul ihn bildete.
Da ist nicht ein Tonmodell, das so obenhin
die Gestalt eines Löwen wiederholt, harmlos
dem Gießer anvertraut. Aus der vollkommenen
Kenntnis des körperlichen Daseins eines
Löwen und aus der sicheren Beherrschung
der Wirkungsbedingungen des Erzes ist in dem
neuen Material ein neues Wesen geschaffen
worden, das einem Naturabguß ganz unähnlich
ist, das dargestellte Wesen aber in aller
Vollkommenheit verkörpert.

Unter so viel Problematischem, das heute
entsteht, sind diese Werke von einer Sicherheit
des Daseins, die ihren unmittelbaren Erfolg
verbürgen mußte. Mit seinem ersten
fertigen Werk war Gaul ein berühmter Mann,
und einer von den ganz wenigen, die nicht
eine Partei hinter sich brauchen, um die
Früchte ihres Ruhmes zu ernten. Leicht war
sein Weg gewiß nicht gewesen. Ehe aus dem
Zeichenschüler und Silberarbeiter in Hanau,
dem Gehilfen Calandrellis und Schüler der
Meyerheim-Klasse der Berliner Akademie der
Mitarbeiter Begas' am Kaiser-Wilhelm-Denkmal
wurde, war er eine weite Strecke Weges
gegangen. Und all das mußte überwunden
werden und blieb die Lehrzeit, bis endlich
in Rom der beinahe Dreißigjährige sich selbst
gefunden hatte. Nun aber trug reiche Zinsen,
was in allen den Jahren geschaffen worden.
Die Kenntnis des Metalls und seiner Behandlung
, die Liebe zum Material war in der Jugend
schon erworben. Im Berliner Zoologischen
Garten hatte Gaul seine Tierstudien gemacht,
die ihm den Auftrag der Löwen an Begas'
großem Denkmal eintrugen. Damals hatte er
nach dem Willen eines anderen gearbeitet,
hatte nicht Löwen bilden dürfen, sondern
dräuende Ungeheuer. Jetzt war er frei geworden
, selbst sich die Aufgabe zu stellen
und die eigene Lösung zu suchen. Wieder
gestaltete er einen Löwen. Aber er wählte
das weibliche Tier, dem nicht die dichte Mähne
die klare Form verhüllt. Er ging nicht, so
wie Begas es verlangt hatte, auf barocke Bewegung
aus und eine malerisch zerklüftete
Oberfläche. Er gab nicht den lauten Affekt,
sondern ruhige Gehaltenheit. Und in der
Linie des Rückens, in dem eben stillgestellten
Schreiten ist mehr von dem unheimlich Drohenden
der Bestie als in allen aufgerissenen Rachen
und scharfgeschliffenen Zähnen.

Im Jahre 1899 stand die bronzene Löwin
in der Ausstellung der Berliner Secession,

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