http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0305
AUGUST GAUL
und der Dreißigjährige, der sie geschaffen,
war mit eins ein berühmter Mann.
Wie Gaul zu dem Tiere kam? Gewiß nicht
allein durch den Zufall, der ihm bei einer
Verlosung eine Freikarte für den Zoologischen
Garten in die Hände spielte. Der junge Bildhauer
mußte es wohl gefühlt haben, daß hier
ein noch unverbrauchtes Material war, daß
hier Körper der Gestaltung sich boten, ohne
daß man sie künstlich im Aktsaal entkleidete,
Körper, die gewohnt waren, frei und natürlich
sich zu bewegen, was die Menschen unserer
Himmelsstriche seit langem schon verlernt
haben. Wir verstehen den Menschen vom
Kopfe aus. Von seinem Körper wissen wir
nicht viel mehr, als daß er lang oder kurz
ist, dick oder dünn. Das Gesicht ist das einzige
, das wir kennen, in seinen Zügen beinahe
allein konzentrieren sich selbst die Affektbewegungen
des zivilisierten Menschen.
Und vom Menschen aus verstanden die
meisten selbst noch das Tier. Die Löwen
des Barye verkörpern Zorn und Raubgier.
Sie sind Affekt, noch ehe sie Tier sind. Gaul
ging daran, das Tier von seinem Körper her
zu begreifen. Das Tier sollte nicht sprechen,
so wenig der speertragende Jüngling des Po-
lyklet zu sprechen hatte. Wir heutigen sind
nicht mehr imstande, den Menschen rein als
körperhaftes Wesen zu nehmen. Wir mißtrauen
den Bildhauern, die den Kopf nicht
anders betonen als den Arm oder den Leib.
Wir fühlen zu deutlich die Absicht, einen
künstlichen Effekt zu erzielen. Es ist Stilismus
, nicht Stil.
Ein Löwe, der nicht mit dem Kopfe allein
spricht, ist auch uns unmittelbar verständlich.
Wir glauben die Gespanntheit seines ganzen
Körpers, von dem das Auge nur ein Teil ist,
so gut wie die Pranken oder der Schweif.
So ist die Gans mit allen Teilen ihres Körpers
nur drollige Begehrlichkeit Der Hals streckt
sich suchend vor, die Füße watscheln hastig.
Gaul wiederholt das Motiv ein paarmal in
leichter Abwandlung. Es sind nicht mehrere
AUGUST GAUL ENTENBRUNNEN IN CHARLOTTENBURG
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