http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0307
AUGUST GAUL
AUGUST GAUL
unterschiedene Individuen, die er zeichnet.
Eine Haltung ergänzt die andere, und ihre
Gesamtheit läßt den Rhythmus einer ewig
typischen Bewegung ahnen.
Aus der Kenntnis der Gattung sind diese
Tierbilder geschaffen, nicht im Nachschreiben
zufällig individueller Formung. Der seltsame
Pinguin fesselt den Künstler. Drei typische Haltungen
hafteten in der Erinnerung. Gab in den
Gänsen die Mehrzahl der Individuen dasGleich-
maß der Bewegungen einer Gattung, so jetzt drei
typische Haltungen, in denen die hauptsächlichsten
Möglichkeiten dieses eigenartigen
Zwischenwesens sich erschöpfen. Einmal das
stille Hinbrüten, alles hängt an diesem Körper
, der schwere Leib, die täppischen Flossen
und der gesenkte Kopf. Dann das Aufhorchen
mit ungeschickt erhobenem Kopf, gestrafftem
Leib und gespannten Flossen. Endlich das
breite Lagern am Boden, in dem der Körper
des Vogels dem eines Seehundes gleich wird.
Das tückische Anschleichen des Straußes ist
ADLER
in der ausdrucksvollen Kurve des Halses so
lebendig wie in den vorsichtig gesetzten Beinen
und dem katzenhaft gebogenen Rücken.
Und dieser selbe Strauß wird ganz hastige
Bewegung im Laufe. In dem weiten Winkel
zwischen dem aufgesetzten Bein und dem
weit vorgestoßenen Halse, in dem dreimal
spitzwinkligen Knicken des erhobenen Beines,
in dem windgeblähten, dichten Gefieder des
Körpers ist alles eiliges Fliehen. Man weiß,
daß dieses Tier nicht zum Angriff anstürmt,
sondern einem Verfolger enteilt. Man weiß es,
so gut man das andere Mal das heimtückisch
vorsichtige Schleichen empfand. Dabei ist der
Kopf als solcher ausdruckslos. Der Körper
spricht. Und unmittelbar versteht man die
Sprache seiner Formen.
* *
Naturalismus und Stil. Beide Worte können
das Entscheidende nicht treffen. Gewiß ist die
Natur mit scharfem Auge beobachtet. Aber
ebenso gewiß ist ihr vom Künstler eine neue
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