Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 238
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AUGUST GAUL

Form gegeben. Weise Rechnung gab dem laufenden
Strauß, dessen ganzes Gewicht auf
einem Fuße ruhen muß, die Ponderierung,
die es glaubhaft macht, daß er nicht stürzt.
Der schweren Masse des Körpers hält die
weit ausfahrende Linie des Halses aufs genaueste
die Wage. Man ist überzeugt, daß
die Bronze auch ohne Befestigung am Sockel
zu stehen vermöchte. Gleichgültig, ob es der
Fall ist. Das Auge verlangt die Täuschung,
die diese Beruhigung ihm verschafft. Es genügt
keineswegs, daß man die Bewegungshaltung
eines Tieres wiedererkenne, das Stück
Erz verlangt sein Gleichgewicht, denn diese
Kunst will nicht eine billige Illusion schaffen,
sondern ein neues Wesen.

Man begreift leichter, wie naturfern Gauls
Tiere sind, wenn man nur an die Oberflächenbehandlung
denkt. Unmöglich wäre es, das
weichgekräuselte Gefieder des Straußes in
Bronze wiederzugeben. Wäre jedes Haar
selbst gebildet, so bliebe das Ganze doch nur
ein totes Gerippe. Aber Gaul verzichtet auch
darauf, mit malerischen Hilfen die Illusion
eines wirklichen Gefieders zu schaffen. Er
findet ihm vielmehr ein Gleichnis in dem
neuen Materiale. So ist die weiche Glätte
des Federkleides der Gans gegeben, so die

feuchtspiegelnde Nässe der Fischotter oder
des Pinguins, so der zottige Pelz des Bären,
das langhaarige Fell des Schafes und die feinbehaarte
Haut des Löwen, die sich über gestraffte
Sehnen spannt, so endlich seine gewaltige
Mähne, die nun nicht mehr wie an
Begas' Denkmal naturalistisch in einzelne
Büschel zerlegt wird, sondern als große Masse
zusammengenommen ist. Früher sah man
Bronzezacken anstatt Haarlocken. Die Absicht
war, der Natur getreu zu bleiben, der Erfolg, daß
etwas Material widriges entstand. Jetzt ist aus dem
Material heraus das Naturvorbild neu verstanden
und noch einmal geschaffen. So und nicht anders
mußte die Mähne des Löwen sein, hätte die
Natur selbst dieses Tier im Erze wachsen lassen.

In diesem anderen Sinne sind Gauls Tiere
natürlich. Man empfindet keine Stilisierung,
weil nichts ihnen künstlich aufgezwungen ist,
weil der Natur keine Abzüge gemacht werden,
um sie in ein bildhauerisches Schema hineinzupressen
, sondern weil aus dem vollen Verstehen
von Vorbild und Material ein Neues
geworden ist. Darum hieß es von ihnen, sie
seien nicht zufällige Modellierskizzen, die dem
Gießer überantwortet wurden, sondern Wesen,
die selbst im Erz erdacht sind und von einer
fühlenden Hand aus dem rohen Gusse ziseliert.

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