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i DAS NEUE DIREKTORIUM DER K. B. STAATSGALERIEN
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DAS NEUE DIREKTORIUM
DER K.B.
STAATSGALERIEN
r\as Erbe Hugo von
Tschudis, das seit
November 1911 der Besitzergreifung
harrt, ist
nicht einem Universalerben
zugefallen, sondern
es ist zwischen zwei
Erben geteilt worden.
Diese Teilung bedeutet
keine Kompetenzabgrenzung
, sondern es ist darunter
eine gemeinsame
Tätigkeit auf dem gleichen
Arbeitsfeld, ein Arbeiten
miteinander nicht
nebeneinander zu verstehen
. Gegen dieses „Doppeldirektorium
" kann bei
den Kennern der Verhältnisse
und der Persönlichkeiten
dieses „Falles
" kein Bedenken bestehen
. Professor Toni
Stadler, der Maler, und
Konservator Dr. Heinz
Braune, der Kunsthistoriker
, werden sozusagen
eine ideale Arbeitsgemeinschaft
im Dienste
einer gleich heiligen
Sache bilden. Beide
standen Tschudi nahe, der eine als Freund, der andere
als sein Mitarbeiter, beide waren in seine weit
ausschauenden Pläne eingeweiht und beide sind
beseelt von dem Gedanken, diese Pläne in die Tat
umzusetzen. . .
Gegen Stadler als Generaldirektor derK. B. Staatsgalerien
sind deswegen von verschiedenen Seiten
Bedenken geltend gemacht worden
, weil man für diese Stelle
einen Kunsthistoriker verlangte,
nicht einen Maler, der Stadler
ist. Nun will mir zwar scheinen
, es komme hier viel weniger
auf den Maler Stadler an
als auf die Persönlichkeit Stadlers
, auf den kunstbegeisterten
Mann, den geschmackvollen
Sammler, zuverlässigen Kenner
und als Mitglied zahlreicher
Kunstkommissionen mit den
Wünschen und Bedürfnissen
unserer Galerien durchaus versierten
Sachverständigen. Aber
auch jene, denen trotz dieser
Erwägungen Bedenken gegen
die Berufung eines Künstlers
zum Generaldirektor blieben,
müssen nun verstummen, denn
auf Stadlers eigenen Wunsch
ist ihm der vorzügliche Kunsthistoriker
Braune, dessen Liebe
und Studium nicht nur der alten
, sondern auch der zeitgenössischen
Kunst gilt, koordi-
L.SAMBERGER^MALER PROF.TONI STADLER
Stadler wurde zusammen mit Dr. H. Braune zur Leitung der
Bayrischen Staatsgalerien berufen
niert worden. Braune soll
auch die ganze administrative
Leitung des Generaldirektoriums
übernehmen
. Braune hinwiederum
findet durch die
Attachierung Stadlers,
der es sich mit der Bezeichnung
eines ministeriellen
Beirats genug
sein lassen will, jenen
festen Rückhalt, dessen
er in Anbetracht seiner
jungen Jahre (er steht
kaum zu Mitte der Dreißig
) in einem bureau-
kratischen Zeitalter unbedingt
bedarf.
So kann sich auch die
Oeffentlichkeit dieser Lösung
von Herzen freuen.
Denn diese Lösung erhält
uns den Mann, der
während des „Interregnums
" (November 1911
bis Januar 1913) unsere
Galerien nicht nur glänzend
konservierte, sondern
ihren Besitzstand
— namentlich durch den
Gewinn der sogenann-
ten„Tschudi-Gedächtnis-
spende" — auch ansehnlich
vermehrte, und sie
gesellt ihm einen reifen,
geschmackvollen Genossen
, der, obwohl Nicht-Bayer, mit dem Kunst-
Münchnertum im Laufe der dreißig Jahre, die er
in der Isarstadt lebt, aufs innigste verwachsen
ist. Was er als Künstler, als feinsinniger Landschafter
, leistet, ist an dieser Stelle schon wiederholt
dargetan worden. Was er als Galerieleiter
leisten wird, werden uns schon die nächsten Jahre
sagen können.
Große Aufgaben auf dem
Gebiete des staatlichen Galeriewesens
harren besonders
in München ihrer Erfüllung.
Der Neubau einer modernen
staatlichen Galerie, welche die
Neue Pinakothek entlastet und
ergänzt, wird sich nicht mehr
lange aufschieben lassen, unser
Besitzstand an alten und
neuen Meistern bedarf dringend
der Egänzung, wenn wir
uns nicht von jüngeren Kunstzentren
überholen lassen wollen
, und bei diesem und jenem
Ressort unseres weitverzweigten
staatlichen Galeriewesens
heißt es sehr nach dem Rechten
sehen. Es tut sich also
für Stadler und Braune ein
weites Betätigungsfeld auf, und
die Arbeit, die ihnen bevorsteht
, wird nicht immer eine
leichte und lustige sein.
DR. h. braune
Direktor der K. Neuen Pinakothek, München
Georg Jacob Wolf
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