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liehen Welt zu Hause, genau so wie sein
Auge in jedem Winkel der wirklichen. Um
bei der letzteren zuerst zu verweilen: was
für ein glänzender Interieurmaler ist doch
nur Hengeler! Diese Durchblicke durch Atelierräume
und Zimmer, in deren Fonds er
gerne eine Kostümfigur oder ein Kind als
malerische „Pointe" stellt, sind mit einem
solchen Feingefühl für die Reize des Lichtes
in Innenräumen gemalt, daß man sie unbedenklich
den Arbeiten der Klassiker dieses
Genres, der Holländer des 17. Jahrhunderts,
an die Seite stellen darf. Und wer die Phantasie
Hengelers so recht schätzen lernen will,
der muß sich einmal seine seriösen phantastischen
Kompositionen, z. B. „Die Erinnyen"
ansehen; und er wird zu der Ueberzeugung
kommen, daß in Hengeler doch ein bißchen
mehr steckt als ein Puttenmaler, der nur eine
Walze abzuleiern hat.
Es gibt auch noch ein anderes Gebiet, auf
dem Hengeler bewiesen hat, wie unerschöpflich
seine malerische Phantasie ist. Ich denke
da nicht zunächst an seine Dekorationsentwürfe
für das Künstlertheater, sondern an die
Hausmalereien, die er in zielbewußter Zusammenarbeit
mit dem Architekten Emanuel von
Seidl und Künstlern wie J. Diez und Herterich
für den Markt Murnau in Oberbayern entworfen
hat. Man ging da von der Erwägung aus,
daß das Gesamtbild eines solchen Ortes unendlich
gewinnen müßte, wenn man die Häuser
mit Figuren, Blumen, Scheinarchitektur usw.
bunt bemalte — eine Sitte, die ja gerade in
diesen Gegenden früher allenthalben heimisch
war und erst durch die moderne Nüchternheit
verdrängt worden ist — und ihnen außerdem
durch kräftigere Profilierung (Erker, Vorbauten
, Gesimse usw.) mehr Charakter verliehe
. Leider ist, aus finanziellen Erwägungen,
nur Weniges von dem Geplanten bis jetzt ausgeführt
worden; aber schon dieses Wenige
ADOLF HENGELER
DIE ERINNYEN
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