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ADOLF HENGELER
ENTWURF FÜR LÄNDLICHE FASSADENMALEREI
dem er seine „Politisierenden Bauern" vollendet
. Da hörte ich ihn die Worte sprechen:
„So, — mein Vermögen hab' ich jetzt vermalt
und wenn ich verhungern muß, ich male
nicht anders!" Zu dieser pessimistischen
Aeußerung veranlaßte ihn so manche schlechte
Erfahrung, die er in deutschen Landen mit
seinen Bildern gemacht und die tatsächliche
Not, der er gegenüberstand. „Wenn ich nur
jemand wüßte, der so dumm ist, sich malen
zu lassen, — um hundert Mark male ich das
Porträt." — Es muß dem seiner Kraft und
seines Könnens vollbewußten Meister wohl
schwer gefallen sein, zu solchen Preisen herabzusteigen
, zu einer Zeit, in der jeder, der
kitschen konnte und wollte, gut bezahlt war
und, die das sehr geschickt konnten, horrende
Preise erzielten. Leibi mußte also förmlich
betteln gehen um Arbeit zu bescheidenem Taglohn
. Mancher aus dem Kollegenkreise hat
sich um hundert Mark malen lassen und mancher
ärgert sich, die Gelegenheit nicht benützt
zu haben. Das Verhungern blieb ihm auf diese
Art erspart, trotzdem er nicht anders malte
und trotzdem sein Bild auch in Wien, wohin
er es schickte, gänzlich durchfiel. Es war
wieder Paris, wo er die verdiente Anerkennung
endlich fand. Nicht nur die begeisterte Wertschätzung
seitens der besten französischen und
belgischen Künstler, die die deutsche Abteilung
überhaupt bloß besuchten, um das
Leibische Werk zu sehen, sondern der Verkauf
desselben brachte ihn auch aus seiner
pekuniär peinlichen Lage. Bei seinen bescheidenen
Ansprüchen konnte er sich nun
wieder mit Ruhe einer großen Arbeit zuwenden
und das waren die „Drei Frauen in
der Kirche". Eine originelle Angst und Sorge
hatte er, daß seine Arbeiten von niemand gesehen
wurden, ehe sie die von ihm gewünschte
Vollendung erreicht hatten. Nachstehende Geschichte
erzählte mir Freund Chr. Baer. Von
Wien kam, von einer Zeitung gesandt, der
Kunstschriftsteller Speidel, um seiner Zeitschrift
einen Aufsatz über Leibi zu schaffen.
Leibi verweigerte es, ihm irgend eine seiner
Arbeiten zu zeigen und veranlaßte Speidel,
mit ihm an den Chiemsee zu fahren, wo er
mit ihm, die Gastfreundschaft und das Segelboot
Dr. Stradals benützend, mit diesem segelte.
Im Spital also stellte sich Leibi so ziemlich
jeden Abend ein, und die Zeit, in der er seinen
Bekannten zugänglich war, war vor und nach
dem Tarocken. Jeden, oder fast jeden Abend
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