Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 261
(PDF, 174 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0333
im Wallraf-Richartz-Museum. „Das ist gesunde
Kunst", sagte ich, „und das Bild ist
Ursache, daß ich nach München zog." Noch
einigemale sprach er davon, daß „Die Schranne"
— (Bauern, die ihr Getreide in München zum
Verkauf bringen) — ihn zur Uebersiedlung
nach München veranlaßte. Bei solcher Gelegenheit
erfuhr ich auch, daß Leibis Vater,
geborener Münchner, Dom-Kapellmeister in
Köln, den sogenannten „Bockwalzer" komponiert
habe. Einmal, von Köln aus wieder
in seiner Heimat, hat ihn das Bockgetriebe
so animiert, daß er zu der heiteren Komposition
angeregt wurde, die eine so unverwüstliche
Popularität errang.

Manchesmal kibitzte ich beim Kartenspiel;
selbst kein aktiver Kartenspieler, brachte ich
es in dieser Kunst so weit, als Zuschauer dem
Spiele folgen und seine Feinheiten verstehen
zu können. Leibi war auch da ein gefürch-
teter Gegner, aber auch als Partner mußte
einer stramm beim Zeug sein, um Gnade bei
ihm zu finden. Er galt als ausgezeichneter
Tarocker. Eines Abends, als ich kibitzte, setzte
sich ein musikalischer Kollege ans Klavier und
spielte. Leibi unterbrach sein Kartenspiel und
lauschte der Musik. Das eben vorgetragene
Stück fesselte ihn. Lange hörte er dem Spiele
zu, dann sagte er erregt: „Das ist schön —
von wem ist das?" Ich sagte ihm, daß es
ein Zwischenspiel aus „Lohengrin" von Richard
Wagner sei. Nach dem Tarock brachte ich
das Gespräch wieder auf Wagner. Als Leibi

meine Frage, ob er „Lohengrin" kenne, verneinte
, sagte ich ihm, er solle doch einmal
seine Theaterscheu überwinden und das berühmte
Werk des größten Meisters seit Beethoven
kennen lernen. Er erklärte sich bereit
und wir vereinbarten, an einem der nächsten
Tage, an dem gerade „Lohengrin" aufgeführt
wurde, uns an der Kasse zu treffen. Ich
hatte ihm erklärt, daß ich Billette besorgen
und wir dann auf die Galerie, das sogenannte
„Juhe" gehen werden. Dorthin könne er in
seinem gewöhnlichen Anzüge kommen, außerdem
bringe ich ein „Pliant" mit, so daß er
in allem Behagen sich dem Genüsse der Musik
hingeben könne. Tag und Stunde der Aufführung
waren da. Mit zwei Freunden wartete
ich an der Kasse auf Leibi — wir warteten,
warteten bis die Kasse geschlossen wurde —
aber Leibi war nicht gekommen! So gingen
auch wir wieder und fanden den vergeblich
Erwarteten natürlich im „Spital", wo eben „gemischt
" wurde. Auf unsere vorwurfsvolle Frage,
warum er denn nicht gekommen sei, erwiderte
er: „Ich weiß, es war unrecht von mir, daß
ich nicht kam — aber weißt du — ich kann
keinen Ritter sehen!" —

Wie schade, daß Leibis Angst vor dem geschminkten
Ritter mit der Silberrüstung ihn
hinderte, auch von dem Klangzauber zu genießen
, der nach und nach auch die fanatischsten
Gegner bestrickte und die ganze Welt
allem Widerstreben zum Trotz gewann. Man
sagt, der Künstler soll einseitig sein. Diese

ADOLF HENGELER

ZEICHNUNG AUS DEN „FLIEGENDEN BLÄTTERN«
Mit Erlaubnis von Braun & Schneider, München

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