Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 262
(PDF, 174 MB)
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Eigenschaft, scheint mir, hat er sich gründlich
erhalten. Wenn sie dazu beitrug, daß sein
Werk ein so herrliches wurde, soll sie gepriesen
sein! Allerdings waren die alten
großen Meister zum großen Teil sehr vielseitig
, ein absolut nötiges Attribut der Genialität
ist Einseitigkeit demnach nicht. Leibis
einziger Lebenszweck war seine Kunst. Er
wollte nicht da leben,'
wo er sich am besten
amüsieren, sondern
dort, wo er am ungestörtesten
arbeiten
konnte. Sich müd arbeiten
und sich für die
Arbeit wieder zu erholen
bei Jagd und
Kartenspiel war alles,
was er für sich beanspruchte
. Ueber die
gemeinsten Sorgen des
Daseins war er durch
seinen letzten Erfolg
hinaus, so konnte er
sich wieder ganz nach
Lust seinem Daseinszweck
ergeben und malen
. Er versteckte sich
nach Berbling und
malte die Frauen in
der Kirche. So schlicht
ehrlich wie der ganze
Mensch, aller Pose,
allem Theatralischen
abgeneigt, so schlicht
ist auch seine Malerei,
d.h. seine Maltechnik.
Jeder Pinselstrich
mußte sitzen, ein Korrigieren
, Uebermalen
oder Lasieren war
gänzlich ausgeschlossen
. Das einzige, was
er sich erlaubte, war:
abkratzen bis zur Leinwand
. Eine nette Illustration
dazu ist folgende
Aeußerung. Eines Abends war davon
die Rede, daß der Maler X. ein sehr schönes
Bild vollendet habe. „Ich weiß nicht, ich
glaube nicht recht daran," entgegnete Leibi,
„ich habe den Kerl im Verdacht, daß er lasiert
." Lasieren bedeutete für ihn Unehrlichkeit
, und was ist in jener Zeit zusammenlasiert
worden — eine malerische Betätigung
, die die heutige Kunst fast gar nicht
mehr kennt.

adolf hengeler

WIENER AUSSTELLUNGEN

pvie Ausstellung bei Miethke, die „Die Neue Kunst"
*-* vorführt und eine Orientierung über die jüngsten
Richtungen in Malerei und Plastik geben will,
krankt wie so mancher ähnlicher Versuch daran,
daß ihre Arrangeure selbst kein Verhältnis zu dem
haben, was sie bringen. Wer aber etwas propagiert,
woran er selbst nicht glaubt, wird stets Gefahr laufen,
seine gut gemeinten Bemühungen in unerfreuliche

Haltlosigkeit und Unein
heitlichkeit zerflattern zu
sehen; wo die einem inneren
Verständnis einer
künstlerischen Richtung
entstammendeSicherheit
fehlt, wird notwendig die
Auswahl etwas Zufälliges
an sich haben und
aus der grellen Fülle des
Neuesten Echtes und Falsches
, Richtunggebendes
und Mitlaufendes unterschiedslos
herausgreifen
und nebeneinanderstellen
. Infolgedessen wirken
die turbulenten Expressionisten
, denen die
Ausstellung gewidmet
scheint, wie eine Folie
zu den paar Bildern, die
als Vorläufer und Bahnbrecher
doch nur eine
Art Auftakt sein sollten;
Manet und Renoir, Ce-
zanne und Van Gogh
erscheinen als glorreicher
Abschluß, auf den
völlige Decadence folgt,
statt daß sie als Ursprung
jener Richtungen wirken,
in denen wir die künstlerische
Kraft unserer Zeit
gären sehen. Die Werke,
die durch ihre Heranziehung
als Ahnen der
neuen Kunst zu solcher
Apotheosegelangen, sind
zwei späte Arbeiten Ma-
nets, die Bar und die
Badenden und ein allerliebstes
Eisläuferbild Re-
noirs von 1868, und von
den eigentlichen Vätern
des Expressionismus vier
van Goghs, die die Entwicklung
des Meisters
knapp und gut charakterisieren
und drei Ce-
zannes, die zum Teil schon an derselben Stelle zu
sehen waren. In welchen Formen die nachfolgende
Generation die Ausdeutung und Ausbeutung dieser
beiden großen Meister versucht, wird hier nicht klar,
da Picasso, Matisse, Bracque, Derain, Herbin
so wenig charakteristisch vertreten sind, daß Burty,
Marchand, Lhote, Leger, Melzer, Mitläufer mäßigen
Ranges, ihnen gleichberechtigt erscheinen. Mit
mehr Sympathie sind Friesz, Vlaminck, van Dongen
behandelt, also Maler, die hübsch tief in der
Vergangenheit wurzeln. Von Parallelerscheinungen
in Deutschland sind manche herausgegriffen, die bloß
verkleidete Modemaler sind wie Rappaport oder
Bato, oder arg verrohte Impressionisten wie Klein

zeichnung aus den
„fliegenden blättern"
Mit Erlaubnis von Braun & Schneider, München

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