Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 263
(PDF, 174 MB)
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und Richter; andere wieder, die ernster genommen
werden wollen wie Pechstein und Tappert, Jav-
lensky und Erbslöh, kommen in den vereinzelten
Beispielen nicht ausreichend zur Geltung.
Ich möchte mich hier bescheiden, von den Oesterreichern
zu sprechen. Friedrich von Knapitsch
ist ein wenig selbständiger Nachahmer Cezannes,
Georg Kars ein sehr witziger Zeichner, dessen
künstlerisches Kapital allerdings über diese jugendliche
Frische und geschickte Beobachtungsgabe
vielleicht nicht hinausreicht. Filla hat seine starke
koloristische Begabung, in der ein Hang zu sla-
vischer Süßlichkeit unverkennbar war, in die strenge
Zucht des Kubismus getan; hoffentlich sind die
Früchte seines Mühens erfreulicher als die gegenwärtigen
Zeugnisse seines ernsten Ringens. Toni
Faistauer zeigt in den paar älteren Zeichnungen,
die hier zu sehen sind, vorderhand als Hauptnote
Abhängigkeit von Kokoschka, der mit dem großen
weiblichen Akt, der von der großen Kunstausstellung
in Dresden her bekannt ist und mit ein
paar Aktzeichnungen der eigentliche Clou der Ausstellung
ist. Seine Erscheinung gibt die tröstliche
Sicherheit, daß man auch in dem Wirrwarr modernster
Bestrebungen das Vollgültig-Echte von dem
bloß Ausgeklügelten und Nachempfundenen zu unterscheiden
vermag; denn von ihnen geht der unbeirrbare
und weihevolle Ernst aus, der alle starke
Kunst über Zeiten und Richtungsverschiedenheit
hinweg eint. — Bei Pisko ist die Sonderausstellung
eines jungen Oesterreichers Leo Katz zu sehen.
Er legt in stark persönlicher Weise den Weg vom
Impressionismus zu einem großen reinen Formenstil
zurück; sein Klassizismus steht trotz einer gewissen
akademischen Leere, die ihn stellenweise
bedroht, der Auffassung wohl nicht allzuferne, zu
der die allgemeine Entwicklung der Malerei durch
alle Theorien und Versuche hindurch sich durchläutern
dürfte. h. t.

BERLINER AUSSTELLUNGEN

Mit vielen Erwartungen ging man in die Ausstellung
des Lebenswerkes von Lovis Corinth,
die Paul Cassirer veranstaltet, und um eine Illusion
ärmer verließ man sie. Der starke Eindruck, der
von einzelnen Werken des Künstlers ausgegangen
war, ließ über manches weniger Geglückte hinwegsehen
, die Verschiedenheit seiner künstlerischen
Ausdrucksmöglichkeiten schien Reichtum.
Jetzt, wo man alles nebeneinander sieht, die sämtlichen
Säle des Secessionsgebäudes voll, übervoll
von Bildern, jetzt erkennt man die Schwächen zuerst
, und der Weg zu dem, was man liebt, ist versperrt
durch vieles, über das man einmal hinwegsehen
zu können meinte.

Gewiß ist da eine Hand, wie wenige sie haben.
Aber die Hand allein tut's nicht. Kunst ist etwas,
das dem Inneren des Menschen gehört, und diese
Kunst kam von außen.

Können verführt. Corinth kann alles, und er kann
es auf verschiedene Arten. Aber es ist in Rembrandt
noch etwas anderes als die Fleckentechnik, und dieses
andere ist das wichtigere. In Rubens ist noch etwas
anderes als die Gewalt des Fleisches, in Fragonard
nicht nur die prickelnde Sinnlichkeit, und Manets
Kunst bedeutet mehr als ein zartes Blumenstilleben.
Corinth sieht nur das, und er wagt sich an alles,
weil er die Hand hat, die es ihm erlaubt.

Aber wie erlebnisarm sind viele dieser Leinwände
! Gestellte Akte, nicht geschaute Menschen.
Ein Stück Fleisch, prachtvoll gemalt, eine Farbe
hineingeworfen, weil sie schön ist, nicht weil der
Bildzusammenhang sie wollte.

Ein großes Bild des Gekreuzigten ist da, ein
Stück Malerei wie alles andere, aber die Hände des
Sterbenden krampfen sich, die Füße sind schwer
verschwollen. Grünewald hat diese Formen erfunden
, weil er die Qualen des Gemarteten mit ihm

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