http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0336
litt, weil er ein Erlebnis gestaltete. Für Corinth
war das Bild nicht ein Erlebnis, denn keine andere
Form antwortet diesen Extremitäten, kein jäher
Aufschrei ist in den Farben wie in Grünewalds
Isenheimer Altar. Und die Flügelbilder stehen
nochmals auf einer anderen Empfindungsskala, sind
banale Modellfiguren, die Heilige mimen.
Warum nur? fragt man, wenn man von diesem
Altarbilde zu dem Ansorgeporträt geht oder dem
Peter Hille, Bildern, die von liebevoller Vertiefung
in das Objekt Zeugnis ablegen. Warum verkannte
dieser Maler seine Grenzen?
Wir alle vielleicht verkannten sie vor dieser Ausstellung
. Wir glaubten an seine „Versuchung des heiligen
Antonius", an sein „Urteil des Paris". Angesichts
dieser Menge von Kompositionen empfindet man es,
was überall fehlt, der Ernst gegenüber der Sache. Die
Neigung zur Travestie in der Behandlung antiker Themen
ist bezeichnend für Corinth. Er findet nicht ein
inneres Verhältnis zu diesen Stoffen, und so nimmt
er sie äußerlich und nur als Vorwand für Häufungen
von Akten, deren jeder eine gute Studie wäre, die
zusammen aber kein Bild sind.
Und Bilder erwarteten wir von Corinth. Daß
er ein Könner ist, wußten wir. Wir wußten es trotz
mancher Fehlgriffe im rein Geschmacklichen und
trotz der Oberflächlichkeit vieler der jüngsten Stillleben
. Aber gerade da enttäuscht die Ausstellung.
Und noch eins vermißt man in dieser Uebersicht
über ein Lebenswerk: den Faden der Entwicklung.
Aeußerliches wandelt sich. Aber die Jahre des Schaffens
bringen nicht zunehmende Reife und Vertiefung.
Es ist ein gleichmäßiges Weiterarbeiten, das zur
Einförmigkeit wird. Nicht neue Probleme werden
gestellt, sondern eines nach dem anderen versucht,
anstatt das eine festzuhalten und zur Reife zu bringen.
So zeugte das letzte Jahr den starken „Simson", den
schönen „Bildhauer" und das unglaublich banale
„Paradies", mit dessen unglücklicher Komposition
auch eine schöne Oberfläche nicht versöhnt.
Muß man heut hart sein gegen Corinth, so tragen
die Veranstalter dieser Ausstellung die Schuld, die
dem Gefeierten keinen Gefallen erwiesen, als sie
ihn zu dieser Rückschau veranlaßten. Man kann
fragen, wer unter den Heutigen sonst eine solche
Gesamtausstellung vertrüge, doch man muß auch
fragen, ob sie notwendig war.
Aber man feiert heut insgemein die Jubiläen zu
früh. Man wartet nicht gerne, weil man fürchtet,
die Gelegenheit sonst ganz zu verpassen. Ein Künstler
kann nicht jung genug sein, um eine Biographie
übersieh ergehen zu lassen. Nach ein paar Jahren
graphischer Arbeit erscheinen Oeuvrekataloge, die
einen Anfang behandeln wie ein fertiges Werk.
Jetzt wurde Max Beckmann in die Literatur eingeführt
*. Sein Apostel heißt Hans Kaiser. Und Paul
Cassirer, der das Buch verlegte, veranstaltet zur
gleichen Zeit als Illustration eine Ausstellung von
Werken Beckmanns, die auch weiter zurückgreift,
schon Gezeigtes noch einmal bringt und zu einem
Gesamturteil herausfordert.
Manches ist da, das zum Vergleich mit Corinth
nötigt. Auch hier ist einer, der sich gewaltig übernimmt
, auch hier einer, der die Grenzen seiner
Begabung verkennt. Ohne Frage ist Beckmann ein
feines Talent, ohne Frage sind ihm ausgezeichnete
Porträts gelungen. Aber ebenso sicher ist es, daß
weder seine Kreuzigungsgeschichten noch die „Auferstehung
" und „Amazonenschlacht" fertige Werke
sind, mit denen eine wahrhaft strenge Selbstkritik
sich zufrieden geben dürfte.
*) Kaiser, Hans. Die Kunst Max Beckmanns. Mit zahlreichen
Abbildungen. M 6.—. Berlin 1913, Paul Cassirer.
Ist in Corinths Kompositionen mehr Können als
Empfindung, so ist bei Beckmann umgekehrt das
Können nicht stark genug, dem Tempo des Empfindungsgehaltes
zu folgen, der in seinen Werken
zum Ausdruck gelangen will. Man könnte darüber
hinwegsehen, wären nur diese Bilder ganz auf die
Ausdrucksnote eingestellt, wäre bewußt das eine
um des anderen willen preisgegeben. Aber die
naturalistische Formengebung zwingt zu einem
Nachrechnen der Wirkungen, bei dem die Mängel
der Lösungen rasch offenbar werden.
Das Beste, was Beckmann bisher gelang, sind
die Gruppenporträts seiner Verwandten, das Reinste
heute noch die„Unterhaltung"aus demjahre 1908. Die
lyrische Stimmungsnote in dem Beisammensein
der drei Frauen liegt seinem Temperament. Und
die realistische Szene gestattet ihm eine Versenkung
in den Gegenstand. Die Aktkompositionen haben
nicht den Charakter des Gestellten wie Corinths
akademische Bilder. Sie sind erfunden, aber sie
sind nicht durchempfunden, weil das stark Dramatische
nicht in dem Temperament des Künstlers
begründet ist, und weil das rein materielle Können
der gestellten Aufgabe nicht gewachsen ist. Der
Körperzusammenhang läßt an entscheidenden Stellen
aus, die rein physische Aktion versagt. Und eine
Ausdrucksgeste muß stumm bleiben, wenn der Beschauer
nicht von allem Anfang über ihre Richtung
im klaren ist.
Beckmann ist heut erst ein Dreißiger. Man dürfte
seine bisherige Leistung als Versprechung für die
Zukunft nehmen, wäre nicht die Maßlosigkeit in
seinem Wollen, die ohne Selbstkritik sich jeder
Aufgabe gewachsen glaubt. Und der schreibende
Verehrer, der dem Künstler ein Büchlein mit einem
Katalog seiner Werke widmet, findet ebensowenig
Maß in seiner Bewunderung. Nie hat Leibi so gemalt
, heißt es einmal. In der „Unterhaltung" lassen
die Komposition und die kühle Pracht der Malerei
an Tintoretto denken. Beckmanns „visionäre Phantasie
" wird über Van Goghs Temperament gestellt.
Die Kreuzigung von 1906, die jetzt das „Drama"
heißt, findet in Delacroix' „Dantebarke" ihre Analogie
, und in der „Sterbeszene" desselben Jahres
überwand er Edvard Münch, in dem Hans Kaiser
einen rationalistischen Wissenschaftler und Literaten
erblickt.
So viele Beispiele nur, um zu zeigen, wie ein
Verehrer den Maßstab seines Helden verkennt.
An sich könnte das belanglos sein, wäre es nicht
bezeichnend auch für den Künstler, der ebenso
blind ist gegen das, was sein Werk noch trennen
könnte von den Werken der Meister, mit denen
sein Bewunderer so achtlos um sich wirft.
Ein Maß aber sei in den Dingen: hätte Corinth
uns eine Tribuna seiner besten Werke gezeigt, so
wären wir ihm williger gefolgt, als bis in alle
Winkel seines Ateliers. Und man kann sich bewußt
sein, daß Beckmann zu den starken Talenten
unter den Jungen zählt, ohne ihn den Größten
aller Zeiten gleichzusetzen. Ja, man wird um so
strenger ihn beurteilen, als sein Können gerade
ihn zu Leistungen verpflichtet.
Ob Walther Bondy, der vor ein paar Jahren einmal
ein schönes Bild im Geiste Liebermanns gemalt
hat, nun in einer modischen Pariser Schulung
verflachte, ist im letzten Grunde gleichgültig, und
in der Ausstellung, die Cassirer zeigt, gibt es weder
zu tadeln noch zu loben. Man geht hinaus, wie
man hineinging. Aber Beckmann hat etwas zu
sagen, und man möchte ihm wünschen, daß er
besser als sein Biograph sehen lernte, woran es
ihm noch fehlt. Glaser
264
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0336