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geschichte gar nicht hat geben
wollen, sondern daß es Sache
des Lesers ist, sich aus den verstreuten
Zügen das Bild selbst
zusammenzustellen. Es wird
eine Reihe einzelner Bilder besprochen
, stets nur einige
Hauptprobleme behandelt, dabei
aber versucht, bis zum Schluß
des Buches immer wieder neue
Gesichtspunkte zu finden. Die
Anordnung des Ganzen darf
man als überaus gelungen bezeichnen
. Glücklich ist auch
die Idee, die Abbildung des betr.
Bildes jeweils aufklappen zu
können, so daß man bei dem
Lesen stets die Reproduktion
zur Seite hat. Die vielen feinsinnigen
Beobachtungen des
Verfassers werden das Buch
auch dem wertvoll machen, der
hier keine neuen, epochemachenden
wissenschaftlichen Resultate
findet. Es lag Voll besonders
daran, die Tatsache
herauszuarbeiten, daß die Vollendung
der nordischen Quattrocentomalerei
die deutsche Renaissance
ist. Die Art, wie der
Autor diese Absicht durchgeführt
hat, wird doppeltes Interesse
für die folgenden Bände
erwecken. August l. Mayer
Haendcke, Berthold.
Entwicklungsgeschichte der
Stilarten. Leipzig, Velhagen
& Klasing. Brosch. M 12.50.
Haendckes Buch stellt ein
Novum unter den bekannten
und gebräuchlichen Handbüchern
dar, denn es umfaßt die
Stilarten von der Antike bis zur
Gegenwart in einem Bande von
mehr als 600 Seiten und gleichwohl
gefälligem und handlichem
Format. Das Ziel des Buches
ist — so schreibt der Verfasser
— „die Entwicklung der
Stilarten nach ihren bestimmenden
historischen Gesichtspunkten
zu schildern". Die Anordnung
des Stoffes innerhalb der
Kapitel folgt dem Brauche, Architektur
, Plastik, Malerei und
Kunstgewerbe — dieses in allen
Unterarten wie Hausrat und
Mode — nacheinander zu behandeln. Beim Durchblättern
des Buches gewinnt man zunächst aus den
360 Abbildungen den erfreulichen Eindruck einer klug
und feinsinnig wählenden und ordnenden Hand. Gewiß
war es eine große Schwierigkeit, aus dem Gesamtgebiet
der Kunst das herauszugreifen, was zur Gestaltung
eines möglichst klaren und übersichtlichen
Gesamtbildes am besten geeignet war. Was nun den
Text angeht, so gibtder Verfasser sehr viele durch den
jeweiligen Verfassernamen gekennzeichnete „wörtliche
und inhaltliche Entlehnungen", eine Quintessenz
des Besten, was mehr oder minder klassisch
zu nennende Autoren oder gründliche Kenner der
Einzelgebiete als Resultat ihrer Forschungen niederschrieben
. Natürlich behält Haendckes Text die
FRANZ BARWTG
DEKORATIVE HOLZSCHNITZEREI
Oberhand, und sein schriftstellerischer
Geschmack verbürgt
ein gut abgerundetes Ganzes,
wie man es vom Verfasser der
Stilanalysen erwarten darf. Alles
in allem : Ein außerordentlich
nützliches und praktisches
Handbuch von größter Knappheit
in Form und Umfang bei
erstaunlicher Kenntnis des Gesamtgebietes
. Das Verzeichnis
der benützten Literatur, das dem
weiter Suchenden zurHand geht,
zeigt allein zur Genüge, daß der
Verfasser eigene Wege geht. Vor
allem ist m. E. die Einbeziehung
und bei aller Kürze sehr eindringliche
Behandlung des
Kunstgewerbes jedem förderlich
,der eine rasche und doch das
Wesentliche treffende Orientierung
sucht. Ich kann nicht umhin
, Haendckes Entwicklungsgeschichte
der Stilarten als Prototyp
einer neuen Art kunstgeschichtlicher
Handbücher zu
bezeichnen, da es einen unübersehbaren
Stoff in vorbildlicher
Klarheit meistert. Die
Abbildungen und der Druck verdienen
alle Anerkennung.
Dr. Grossmann
MÜNCHNER UND WIENER
AUSSTELLUNGEN
MÜNCHEN. VieKönigl.Gra-
phische Sammlung macht
in diesen Tagen ihren letzten,
höchst bedeutungsvollen Ankauf
einiger 85 Originalzeichnungen
von Hans v. Marees,
durch Ausstellung dem Publikum
zugänglich. Man begrüßt
es mit besonderer Genugtuung,
daß die Kollektion für München
erworben wurde; war es doch
geradezu Ehrenpflicht, sie zu
sichern, und man fühlt sich
geneigt, denen beizustimmen,
die in der Akquisition eine der
glücklichsten in der ganzen Geschichte
der Sammlung erblicken
. Diese Blätter gewähren
einen trefflichen Einblick in
die Arbeitsweise des Meisters,
über dessen Bedeutung für die
neuere deutsche Kunst man sich ja allmählich selbst
in breiteren Kreisen klar zu werden anfängt; einesteils
zeigen sie ihn bei gewissenhaftestem und hingehendstem
Studium der Natur, d.h. in seinem Spezialfach
hauptsächlich des menschlichen Körpers,
und andernteils wieder illustrieren sie vorzüglich
seine Art, das Studienmaterial beim Aufbau einer
Komposition zu verwerten. Wie bei der Arbeit aller
Großen ist hier nirgends Forcierung oder ein Schielen
nach dem Publikum zu entdecken, alles ist rein
um der Sache wegen geschehen, und das läßt den
Genuß dieser Arbeiten zu einem so harmonischen
und erquickenden werden.
In H. Thannhausers Moderner Galerie im Arco-
palais spielt sich gegenwärtig so etwas wie ein Er-
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