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eignis ab. Man hat dort eine reichbedachte Schau
von Arbeiten des sagenhaften Spaniers Pablo Picasso
, in dem viele den Anreger des Kubismus
sehen, arrangiert, und so macht sich alles, was an
moderner Malerei Interesse nimmt, auf die Beine,
um die erstmalige Zusammenstellung des Lebenswerkes
dieses Künstlers zu besichtigen. Die Ausstellung
bereitet aber demjenigen keinerlei Ueber-
raschung, der schon aus gelegentlichen Einzeldarbietungen
sich von dem Wesen Picassos ein Bild
zu machen versucht hat. Auch hier findet man
unverbunden nebeneinander zwei völlig getrennte
Persönlichkeiten vor, einen sehr empfindungsvollen,
ja fast übersensitiven Schöpfer zarter und delikatei
Farben- und Linienstimmungen, die völlig faßbar und
jedem auch nur einigermaßen Verständnisvollen zugänglich
sind, und den Erzeuger jener so skurrilen
kubistischen Malereien und Zeichnungen, die ein
merkwürdiges Geschiebe farbiger oder schwarzweißer
Flächen darstellen, so etwa,wie wenn man einen
Gegenstand durch einGlasprismahindurch betrachtet.
Man frägt sich vergeblich
, wie beide unter
einen Hut zu bringen
sind und kommt,
falls man nicht so naiv
ist zu glauben, „daß
wo Flächen und Kuben
sind, sich dabei
wohl auch was denken
lassen müsse" zu Resultaten
, die für den
Künstler nicht eben
günstige sind. Entweder
liegt in den kubistischen
Experimenten
Picassos ein reines
Bluffmanöver vor
oder eine Schrulle, die
eine von Haus aus
richtige Beobachtung
ins Hysterische und
den Aberwitz hinein
verzerrt, ... ich glaube
, man wird das letztere
annehmen dürfen
und wird solchen
Seitensprüngen dann
nicht allzuviel Wert
beimessen. Die übereifrigen
Verehrer des
Künstlers freilich
sehen in ihnen die
tiefsten Offenbarungen
seines Genius
und dies ist schade,
denn man verdunkelt
auf diese Weise das
Bild einer überaus
feinsinnigen, beweglichen
und wenn auch
nicht genialen, so
doch reichbegabten
Persönlichkeit.
Von den Februarausstellungen
des
Neuen Kunstsalons in
der Königinstraße ist
die einer Kollektion
von Marianne von
Werefkin die interessanteste
und originellste
. Die Künst-
franz barwig
lerin hat eine sehr poetische Art, Erlebnisse des
Alltags in Form und Farbe auszudeuten; die Naivität
ist dabei wohl zuweilen etwas weit getrieben,
aber man nimmt doch manche Anregung und eine
entschiedene Nachwirkung mit nach Hause.
m. k. r.
\V7IEN. Die Secession hat die Jugend zu sich
™ zu Gast geladen; sie stellt ihre Räume den
Künstlern zur Verfügung, die keinem Verband angehören
oder sich die Sporen überhaupt erst verdienen
sollen. War es die Unpopularität der Secession
beim künstlerischen Nachwuchs, die diesen
ferngehalten hat oder war es eine allzu drakonisch
waltende Jury, auf jeden Fall fehlt es dieser Ausstellung
an stürmischer Kraft und fröhlichem Wagemut
und es ist eine ziemliche Jugend ad usum
delphini, die sie vorführt. Aber da man den Geist
einer Zeit doch nicht mit Stumpf und Stiel ausrotten
kann, so gelingt es durch solche Zensurierung
nur, alle diejenigen fernzuhalten, die die starken und
konsequenten Repräsentanten der Gegenwartskunst
sind, man muß aber
denjenigen Zutritt gewähren
, die ihre Zugehörigkeit
zu dieser
in allerhand Kompromissen
und Abschwä-
chungen bekunden.
Diese unaufhaltsame
Ausbreitung der modernen
Ideen auch in
die Kreise der kleineren
und biegsameren
Begabungen scheint
mir das interessanteste
Symptom der Ausstellung
zu sein. Hervorragende
Persönlichkeiten
dürfen wir
in ihr nicht suchen;
das Königtum des
Einäugigen ist am
ehesten Felix Albrecht
Harta zugefallen
, der sich aus
den starken Einflüssen
, die bisher um
ihn kämpften, zu
Selbständigkeit und
Eigenart entwickelt.
Seine Stilleben und
Volksszenen sind mit
großer Kraft und Eindringlichkeitgegeben
,
ausdrucksvolle, farbensatte
Bilder; sie
werden noch von Gemälden
wie „Straße
in Tesco" und „Nach
dem Gottesdienst"
übertroffen, in denen
dieselbe farbenstarke
Energie fähig geworden
ist, intensive und
dichterisch empfundene
Stimmungen zu
tragen. Eine andere
interessante Erscheinungist
Egon Schiele
; ohne das Schwergewicht
irgend eines
Ethos, in spielerischer
Selbstzerquä-
kampfender steinbock (bronze)
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