http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0370
gebungen veranlaßt werden, die dem naiven
Betrachter zunächst als völlig unverständlich
und darum als höchst neuartig erscheinen.
Als Exempel zu Fall eins mag für die neuere
Malerei etwa Manet angezogen sein, der, obgleich
höchstens Mitbegründer der Impressionistenschule
, uns doch als ihr organisierendes Haupt
erscheint, da er neben seinen schöpferischen
Qualitäten vor allem auch über stark methodischen
Sinn und Lehrtrieb verfügte und außer
durch sein Beispiel durch fortgesetzte mündlich
und schriftlich gegebene Erläuterungen
auf den Kreis der ihm Nahestehenden einzuwirken
suchte. Hingegen sehen wir gerade
heute wieder vielerorten Beispiele für Fall
zwei und da unter ihnen ein paar wahre Schulbeispiele
zu entdecken sind, mag deren Betrachtung
nicht ohne einigen Nutzen für die
Erkenntnis der gesamten Lage der heutigen
Malerei sein.
So spricht und schreibt man beispielsweise
viel über jene neuere Bewegung in der Malerei,
die man als den „Kubismus" bezeichnet. Als
Anreger dieser Richtung gilt vielen ein in
Paris tätiger Spanier, Pablo Picasso, und mehr
als alles andere haben Arbeiten aus seiner
letzten Entwicklungsphase die Köpfe in Verwirrung
gesetzt und Anlaß geboten zu lebhaften
Kunstdebatten. Diese, seine Arbeiten,
mit denen sich bekannt zu machen man heute
ja an allen Zentren des modernen Kunstlebens
genugsam Gelegenheit hat, erinnern ihrem
ersten Eindruck nach etwa an mit Farben
überzogene Figurentafeln aus Lehrbüchern der
Flächengeometrie und man zerbricht sich nicht
wenig den Kopf darüber, was ihr Autor eigentlich
damit meint. In ihnen liegen jedoch
nicht die alleinigen Manifestationen dieses
Künstlers vor, sondern er hat früher ganz
allgemein verständliche Bilder zur Schau gestellt
, die in der Qualität allerdings unterschiedlich
waren, eine starke Empfänglichkeit
für Eindrücke von allen möglichen Seiten her
bekundeten, aber durchaus das Bild einer bedeutenden
, ungemein empfindungsvollen Veranlagung
hinterließen.
In Schriften nun, die die Bestrebungen der
neueren Kunst kommentieren, habe ich Versuche
zur Ausdeutung der ,,kubistischenu Experimente
Picassos gefunden und gelesen, daß
Picasso eine Uebersetzung der räumlichen
Erscheinungsform der Objekte in einen malerischen
Flächenstil anstrebe und dabei mehr
und mehr der absoluten Malerei zustrebe, d. h.
einer Malerei, die auf alles noch Gegenständliche
überhaupt verzichtend, lediglich mehr
mit gewissen Bestandteilen von Form und
Farbe operiert, im Falle Picasso nur mehr
mit den ,,Grundelementen" davon. Irgendwo
waren auch noch die Ideen Picassos auf gelegentliche
Aeußerungen Carrieres zurückgeführt
, der schon ähnliche Probleme erwogen
haben soll. Inwieweit letzteres zutrifft, vermag
ich augenblicklich nicht zu entscheiden,
plausibler erscheint es mir aber, daß Picasso
an Cezanne anknüpft, der in fortschreitender
Entwicklung seines künstlerischen Fühlens und
Empfindens mehr und mehr zu einer zweidimensionalen
Umwertung räumlicher Eindrücke gedrängt
wurde und von dem auch verschiedene
Aussprüche bekannt geworden sind, die auf ein
Aufdämmern der Erkenntnis von Methoden
schließen lassen, die diesen Umwertungsprozeß
zu einem ganz bewußt und exakt vorgenommenen
werden zu lassen dienlich sein
konnten.
Lehrreich ist nun zu sehen, wie Picasso
hier weiter zu bauen sich anschickt. In einem
Vorgehen recht subjektiver und abstrakter Form
klappt er in Arbeiten der geschilderten Art
die Flächen eines kubischen Gebildes einfach
in die Ebene auf, als ob es sich um die
Lösung gewisser Aufgaben aus der darstellenden
Geometrie handle und in völliger Vernichtung
jeder Erscheinungsform legt er dann
weiterhin noch in seinen „Kompositionen" diese
Flächen höchst willkürlich so aus- und nebeneinander
, daß ein sehr mystisches Gebilde
entsteht, so etwa, als ob man sich einen Gegenstand
durch ein polyedrisch geschliffenes Glas
hindurch angesehen und diesen verzerrten
Eindruck wiedergegeben hätte(Abb. S. 304). Nun
läßt sich nicht leugnen, daß gerade das „Dunkle",
das dergleichen Arbeiten an sich haben, etwas
Stimulierendes und die Phantasie Anregendes
besitzt, so etwa wie es bei der „Dunkelheit des
Grundes" mancher Dichterwerke der Fall ist,
aber man soll doch die Kirche beim Dorf
lassen und nicht von „Offenbarungen eines
Genius" faseln, wo es sich im letzten Ende
nur um eine mit Hilfe wissenschaftlich und
logisch höchst problematischer Schlüsse ins
sinnlos Abstrakte, ja Groteske getriebene
und die Grenzen objektiver Erfassungsmöglichkeit
weit überschreitende Verzerrung einer
von Haus aus vielleicht ganz gesunden und
fruchtbaren Idee handelt. Denn dies ist der
Unterschied zwischen dem wahrhaft genialen
Menschen und seinem theoretisierenden Epigonen
: der erstere gewinnt seine neue Form
als notwendiges Korrelat einer gesteigerten
inneren Anschauung und sie bleibt, wenn
auch nicht sofort allen verständlich, so doch
unter allen Umständen immer sinnvoll und
organisch, während der letztere von der leeren
Form ausgeht und mit ihr mehr oder min-
l(57TT<D(5?T?S(5TTfö(57TTö(5?r^
294
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0370