Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 302
(PDF, 174 MB)
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achtung gebrachte und modern belebte Spiel
farbiger Flächen gegeneinander sehr feinsinnig
mit älterer malerischer Tradition in Verbindung
zu setzen versteht und so zu ganz unerwarteten
neuen Möglichkeiten überleitet.

Neben dem Kubismus ist es insbesondere
noch der „Futurismus", der in letzter Zeit
viel von sich reden gemacht hat. In einer
für ihn wenig erfreulichen Weise jedoch. Nicht,
als ob man ihm, wie seinerzeit der impressionistischen
Bewegung, mit Entrüstung und
Schmähungen entgegengetreten wäre — dazu
mißt unsere Zeit ästhetischen Streitfragen
Gott sei Dank nicht mehr, wie ehedem, eine
übertriebene Wichtigkeit bei und ist andererseits
wieder zu sehr auf Sensationen eingestellt,
zu begierig ä tout prix für fortschrittlich genommen
zu werden — in den Kreisen, die
in Betracht kommen, hat man die paar guten
Ideen, die im Futurismus stecken, ohne Diskussion
einfach akzeptiert und den Rest mit
gutmütigem Humor behandelt. Zweifelsohne
wäre man dem Kubismus gegenüber ebenso
verfahren, hätte dort nicht der mystische Nebel,
den man über das noch Sinnvolle der Sache gebreitet
hat, einige Köpfe verwirrt, und schwache
Geister, die sich ihm nicht zuletzt auch deswegen
hingaben, weil er gestattete, im Trüben
zu fischen, zu Dingen verleitet, die den Unsinn,
der in ihnen steckt, nicht ohne weiteres erkennen
lassen.

Vater des futuristischen Gedankens ist ein
Italiener, ein gewisser Marinetti, der als
Schriftsteller den Futurismus hauptsächlichst in
der Literatur durchzusetzen bestrebt ist, dem
sich aber auch ein paar Maler und Musiker
angeschlossen haben. Marinetti gibt von Zeit
zu Zeit Flugblätter heraus, die das „Programm
des Futurismus" enthalten und in ihrer
Phrasenhaftigkeit und dem selbstbewußten
Ton, den sie anschlagen, jedesmal nicht wenig
Kopfschütteln erregen. Aber obgleich darin
auch einiges Gute und Wahre mit leidenschaftlicher
Gebärde vorgetragen wird, wirken
sie heute doch kaum auf jemanden mehr anders
, denn als Kinderei und Großmäuligkeit.

Die Vorgeschichte der futuristischen Bewegung
ist nicht ohne Pikanterie. In den Spalten
des Pariser „Figaro" erschien nämlich vor
zirka drei Jahren ein Artikel Marinettis, der
nicht weniger forderte, als daß alle Denkmäler
alter Kunst Italiens, Kirchen, Museen und
Bibliotheken, niedergerissen und dem Erdboden
gleichgemacht würden, um jedem unselbständigen
Kopistentum das Wasser abzugraben
und Raum zu schaffen für eine Geistigkeit,
die ganz aus der Gegenwart, aus der modernen
Zivilisation gezogen sei. In eingeweihten Kreisen

erzählte man sich damals, der Verfasser, ein
vermögender Mann, habe sich die Aufnahme
dieses Artikels in ein so Staats- und gesellschafts-
srhaltendes Blatt, wie den Figaro, bare 4000
Franken kosten lassen; es gab aber doch etliche,
die auf die blague dieses Aufsatzes hereinfielen
und sich von einem Gruseln überkommen
ließen bei dem Gedanken, daß so umstürzlerisch
Gedachtes eines Tages wohl auch in die
Tat umgesetzt werden könnte. Marinettis
Name wurde von da ab viel genannt, um so
mehr, als sein Träger durch allerlei Exzentrizitäten
ihn immer wieder in Erinnerung brachte
und es ihm gelang, eine futuristische Gruppe
zu bilden. Von dieser interessieren uns hier
lediglich die bildenden Künstler; denn daß
von Marinettis allgemeinkulturellem und literarischem
Programm sich einiges hören läßt,
besprochen und verteidigt werden kann, ist eine
Sache für sich und ficht uns nicht weiter an.

Um Nichtsahnenden einen Begriff von futuristischer
Malerei zu geben, tut man gut, die
Beschreibung eines futuristischen Bildes zu
versuchen. Im „Cicerone" hat Otto Grautoff
gelegentlich der Pariser Ausstellung der Futuristen
diesen Versuch unternommen und
gibt dort folgende amüsante Schilderung eines
Futuristengemäldes: „Eine Straße. Häuserfassaden
im Zick-Zack, so daß alles durcheinanderpurzelt
. Dazwischen liegt der halbe
Körper eines Weibes. Wo die andere Hälfte
sein müßte, spielen anderthalb Menschen
Karten, gegen die ein Viertel von einem
Omnibus anrennt, auf den die Hälfte eines
anderen Omnibus auffährt." — „Dergleichen
Dinge sieht man," heißt es im Vorwort des
Ausstellungskataloges, ,,wenn man in einem
Omnibus sitzt und geruhig zum Fenster
hinausschaut."

Daß so ein Bild alle Begriffe über Bord
wirft, die man bislang von einem Gemälde
hatte, ist aus dieser Beschreibung ohne weiteres
ersichtlich: statt eines Momentes der
Bewegung, wie er bisher immer isoliert wurde,
wird hier die Impression kombinierter Bewegungsmomente
festzuhalten unternommen
und das Sinnen und Trachten des futuristischen
Malers kennzeichnet sich so auch ganz richtig
an einer anderen Stelle jenes Vorwortes „als
ein Wirken gegen den Impressionismus, indem
der futuristische Maler über diesen hinaus
fortschreitet". In eine Art von Ueberimpres-
sionismus hinein also. Dabei kommt es dem
Futuristen, wie er weiter verkündet, nicht so
sehr auf die Wiedergabe des rein optischen
Eindrucks der Bewegung an, sondern er möchte
in seinem Bilde vor allem „all die Empfindungen
festhalten und auf den Beschauer wirken lassen,

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