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SEILTANZENDE SATYRN
NEAPEL
VON ANTIKER MALEREI*)
Von Professor Dr. Paul Herrmann
Wenn das Wort „Antike" im Sinne der bildenden
Kunst des Altertums ausgesprochen
wird, so wird die Phantasie dessen, der
es hört, unfehlbar zuerst und blitzartig reagieren
mit der Vorstellung von Statuen und wieder
Statuen, wie sie in endlosen Reihen die Säle
unserer großen Museen füllen. In der künstlerischen
Hinterlassenschaft des Altertums, wie
sie vom Zufall und von der Widerstandsfähigkeit
der Bildungen gegen die zerstörenden Einflüsse
der Zeit gestaltet ist, behaupten sich
die Schöpfungen der Plastik mit einem so beherrschenden
Uebergewicht, daß die Eindrücke,
die von ihnen ausgehen, für die Blicke des
Fernerstehenden das Charakterbild der antiken
Kunst schlechthin formen, und es ihm scheinen
muß, als habe sich die künstlerische Kraft
der Antike mit Einseitigkeit in der Bildkunst
ausgewirkt. Sie öffnet den Weg für die Einfühlung
in das antike Kunstwollen und seine
Betätigungen, offenbart große Zusammenhänge
in den Reihungen künstlerischer Gedanken
*) Die Abbildungen zu diesem Aufsatz sind stark verkleinerte
autotypische Wiedergaben von z.T. noch unveröffentlichten Lichtdruck
-, Gravüre- und Farbenlichtdrucktafeln des von demselben
Verfasser herausgegebenen grundlegenden Werkes: „Denkmäler
der Malerei des Altertums" (Verlag F. Bruckmann A. G.,
München). Diese Publikation wird auf 600 Tafeln, 50:39 cm, das
Gesamtgebiet der Antiken Malerei erschöpfend behandeln.
und ihrer Bindung in Formen, und wenn es
einmal gelingt, eine der führenden Künstlerpersönlichkeiten
in freilich noch sehr unsicheren
Linien auf der Zeiten Hintergrunde zu umreißen
, so ist es ein Bildhauer. Unser Auge
ist so sehr gewöhnt an die plastischen Gestaltungen
der Alten, unsere Vorstellung so erfüllt
von ihnen und so stark bestimmt durch sie,
daß wir fast unwillkürlich antike Kunst mit
antiker Plastik identifizieren.
Eine solche Anschauung ist verständlich,
aber falsch. Sie heftet sich an ein Beobach-
tungsmateiial, das in seiner Trümmerhaftig-
keit die Tatsachen entstellt. Als der Kunstbesitz
Griechenlands noch aufrecht stand und
unversehrt war, da sah das Bild ganz anders
aus: da stand neben der monumentalen Plastik
eine wurzelstarke und triebkräftige Malerei und
teilte sich mit jener in die Hoheitsrechte. Ja
es scheint fast, als habe sie in der Wertschätzung
ihrer Zeit eine bevorzugte Stellung
eingenommen. Das glaubt man zu empfinden,
wenn man liest, was die antike Literatur über
Kunst, Künstler und Kunstwerke zu berichten
weiß. Da werden die großen Maler mit einer
nicht zu übersehenden Vorliebe behandelt. Der
Ton der Sprache ist lebhafter und wärmer,
wenn von ihnen die Rede ist, und man fühlt,
Die Kunst für Alle XXVIII. 14. 15. April 1913
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