Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 316
(PDF, 174 MB)
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NEAPEL

! VON ANTIKER MALEREI

ohne jede feste und gezogene Linie
schwingende und vibrierende Form
geworden. Wie leuchtet und schimmert
die nackte Haut aus dem großen
Rot des Grundes hervor, wie
ist das zarte Rosa und Blau des
Mantels belebend und ergänzend
zwischen die beiden Hauptnoten gesetzt
; wie endlich ist das ganze
Farbenbukett zusammengehalten
durch ein weiches, aber sehr deutlich
empfundenes Licht, das tastend
über die Flächen gleitet, alle
Tiefen lockert und alles Feste auflöst
in seidigen Wohllaut. Und was
ist das nun? Ist das ein Bild, dessen
Schöpfer hier mit höchster Sorgfalt
ein Meisterwerk schaffen, eine
schlagende Probe seiner Kunst hinstellen
wollte, nach Bewunderung
geizend? O nein. Das ist gar kein
fertiges „Bild", das um seiner selbst
willen entstand. Eine malerische
Laune ists, ein prickelnder Gedanke,
ohne jede Prätension ausgesprochen
, ein Begleitwort aus dem Zusammenhange
eines großen dekorativen
Organismus und nur als Probe eines
unbeirrbaren koloristischen Geschmackes einzuschätzen
.

Wie hier das feine Farbengefühl, ein Zusammenstimmen
der Bilderscheinung aus farbigen
Valeurs im Sinne heutiger Anschauungen
und Betätigungen Triumphe feiern, so ist in
einer andern Pinselschöpfung verwandter Art
und Bedeutung die Freilichtmalerei Ereignis
geworden. Es gilt die zur Gruppe vereinigten
schwebenden Gestalten eines Satyrs und einer
Bacchantin (Abb. S. 320). Hier ist der Malgrund
ein helles Blau, und als habe diese Farbe
dem Maler bei der Arbeit die Vorstellung des
ätherdurchfluteten Raumes suggeriert, läßt er
seine Gestalten wie unter auffallenden Sonnenstrahlen
leuchtend erscheinen. Auf dem nackten
Oberkörper des Mädchens erglüht das Licht
in breiten Flächen, und besonders klar wird
die Absicht des Malers bei dem erhobenen
rechten Oberschenkel des Satyrburschen, der
an seiner oberen Endigung unter einem kräftigen
Schlagschatten, erzeugt von dem Fruchtschurz
, liegt, während weiter vorn das Bein
aus der Sphäre dieses Schattens heraus in das
heftige Sonnenlicht hineinragt. Auch die flak-
kernden Lichter auf dem Gesicht des Satyrs,
die breiten Lichtstreifen auf seinem Fruchtschurz
sind bezeichnend für das hier „gestellte

SCHMÜCKUNG EINES MÄDCHENS

Motive besitzen wir noch - - ein winziger Rest
des ehemaligen Reichtums und ein versprengter
, durch eine seltsame Fügung des Zufalls
uns erhalten auf den Wänden von Pompeji,
Herculanum und Stabiae, als im Jahre 79 n. Chr.
die Aschen- und Schlammassen des Vesuv
sich einhüllend über diese Städte herniedersenkten
. Das ist gewiß weniger als ein Tropfen
im Eimer, aber es ist, ergänzt durch einige
verstreute Funde in Rom, das einzige, was wir
haben, und es ist doch echte und rechte Malerei
, Farben- und Pinselkunst, eingegeben und
ausgeströmt durch ein so selbstverständliches
und zielsicheres Gefühl für malerische Werte,
daß man über einen solchen Hochstand künstlerischer
Kultur billig erstaunen muß. Wer
mit offenen Augen, die nicht bloß in die Seiten
des Bädeker vertieft sind, durch die mit pom-
pejanischen Malereien gefüllten Säle des Museums
von Neapel wandert, der wird mit Ueber-
raschung gewahr, wie hier schon malerische
Probleme angeschlagen und bewältigt sind, die
heute wieder im Mittelpunkte der Tagesmeinungen
und Tagesforderungen stehen. Da hängt
das ausgeschnittene Stück einer roten Wand,
auf deren Grund ein thronender Dionysos gemalt
ist, fast nackt, nur von einem dünnen
Gewände leicht umflossen (vgl. Abb. geg. S. 31 3).
Wie ist das in Farben gedacht und gesehen,

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