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PARIS AUF DEM IDA
fast zum Zerfließen bringend — das sind malerische
Werte, malerische Wirkungen, die aus
dem Altertum her direkt die neueste Zeit grüßen.
Nun muß man sich freilich hüten, nach solchen
Proben etwa die antike Malerei in ihrer
Totalität zu werten und einzuschätzen. Ein
Gemälde des Polygnot hat niemals so ausgesehen
, wie die zuletzt gewürdigte Landschaft
vom Esquilin, auch ein Gemälde des Zeuxis
nicht, auch nicht des Apelles. Was wir an
Malereien aus Pompeji und Rom erhalten haben,
fällt seiner Entstehung nach in den Raum etwa
eines Jahrhunderts, und zwar eines Jahrhunderts
, das mit dem Jahre 79 n. Chr., dem Termin
der Zerstörung Pompejis schließt, mit seinen
Anfängen die letzten Jahrzehnte vor Christi
Geburt umfaßt. Es ist also das erste Jahrhundert
der römischen Kaiserzeit uiid die letzten
Jahre der Republik, deren Malerei wir mit
unserer Beobachtung umschließen. Aber wie
sie da fertig, zielbewußt und sicher vor uns
steht, kann sie nicht spontan entstanden sein.
Was wir sehen, ist der Abschluß einer langen
Entwickelung, das Resultat einer Tradition, deren
einzelne Etappen wir weder in ihrem Verlauf,
noch in ihrer Ausdehnung nach vorn, in die
Blütezeit der griechischen Kunst hinein, verfolgen
können. Solche Spuren aufzuweisen,
Zusammenhänge mit älteren Stilepochen aufzudecken
, ist nur auf dem Wege mühevollster
Einzeluntersuchungen möglich, denen hier nachzugehen
ein freudeloses Unternehmen wäre.
Was da ist und mit Auge und Gefühl genossen
werden kann, daran die Freude zu wecken,
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