Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 320
(PDF, 174 MB)
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VON ANTIKER MALEREI

kann allein das Ziel sein,
dem hier zugestrebt werden
soll, wobei man sich
nur die zeitliche Bedingtheit
in der Entstehung
der zu beobachtenden Erscheinungen
gegenwärtig
halten möge.

Aber auch die erhaltenen
Malereien sind weit
davon entfernt, eine homogene
Masse zu sein,
auch in ihrem Umkreise
läßt sich, zwar nicht eine
eigentliche Entwickelung
im Sinne eines Fortschreitens
von beschränkterem
zu freierem Wollen und
Können, wohl aber ein
sehr klarerund bewußter
Wechsel stilistischer Prinzipien
beobachten. Das
hängt untrennbar zusammen
mit der künstlerischen
Fassung der dekorativen
Gefüge ganzer
Wände, denen die figürlichen
oder landschaftlichen
Bilder eingegliedert
sind. Wie diese Dekorationen
im Anfang des unserer
Beobachtung erschlossenen Zeitabschnittes
in großen und stark wirkenden architektonischen
Formen gehalten sind, so herrscht auch in den
Bildern eine Auffassung und ein Formenausdruck
von ruhiger und gesammelter Größe.
Die Unterweltslandschaft vom Esquilin gehört
dahin, und den gleichzeitigen und gleichgearteten
monumentalen Figurenstil zeigen Bilder
wie die Zweifigurengruppe aus einer Villa bei
Boscoreale (Abb. S. 315) oder die Tanzszene
aus der neuentdeckten Villa vor dem Herku-
laner Tor von Pompeji (Abb. S. 314). Wie das
erste in der Wucht des Figurenausdrucks etwas
9 geradezu Imponierendes hat und die größten
ö Namen des Cinquecento in die Erinnerung ruft,
so besticht das andere durch den feinen Reiz,
mit dem der nackte Körper der im Tanze wirbelnden
Bacchantin vorgetragen und auf das
Rot des Hintergrundes gestellt ist. Da bricht
neben der Stilgröße auch ein malerisches Gefühl
durch, das ja auf der Unterweltslandschaft
noch größere Triumphe feiert. Noch freier entfalten
kann es sich auf den seltenen Kabinettbil-

edern dieser Stilrichtung, von denen die Schmük-
kungsszene aus Herkulanum (Abb. S. 316) viel-

SATYR UND BACCHANTIN

NEAPFL

leicht die glänzendste Probe bietet. Eine zarte
Musik fein gestimmter Töne in den lichten,
mit bläulichen und violetten Schatten gedeckten
Gewändern ist hier zum Klingen gebracht,
und in höchst delikate, durchaus harmonische
Verbindung damit ist die statuarische Haltung
der Gestalten gesetzt: die Einwirkung des
Monumentalstiles der Zeit.

Dessen Herrschaft bricht nun auf einmal
ab, um einer fast diametral entgegengesetzten
Richtung Platz zu machen. An Stelle des
Großen tritt jetzt das Kleine, an Stelle des
Starken das Feine; die Herrschaft der Linie
löst die der Farbe ab, der Pinsel scheint mit
dem Stift vertauscht: es waltet ein extrem
zeichnerisch gerichteter Sinn. Man sehe ein
Bild wie die Bestrafung des Eros (Abb. S. 321).
Straff und fest gezogen ist der Umriß der
stehenden Frauengestalt, scharf und präzis sind
die Linien des reichen Faltendetails eingesetzt,
knapp und bestimmt sind die Formen des Gesichtes
modelliert; und zu alledem doch: welches
bewußte und sichere Stilgefühl auch hier,
welche Fertigkeit der Erscheinung — man
glaubt eine Gestalt Mantegnas zu sehen. Ein

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