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ZWANZIG JAHRE MÜNCHNER SECESSION >
von seiten der Vorstandschaft durch mangelhafte
Reklame usw. ein passiver Widerstand entgegengesetzt
wurde, da es durch Mißerfolg leichter
wurde, die Jahresausstellungen ganz abzuschaffen
oder sie wenigstens zu Lokalausstellungen
herabzudrücken. Die Vorstandschaft
der Jury hatte enge Beziehungen zu den
Münchener Neuesten Nachrichten, in welchen
Dr. Georg Hirth einen scharfen Artikel gegen
solches Vorgehen erließ und dadurch in einen
unerquicklichen Prozeß mit dem damaligen
Schriftführer der Genossenschaft C. A. Baur
verwickelt wurde. Kurz, zwischen Vorstand
und Jury war ein wenig freundschaftliches
Verhältnis entstanden, nach Ausstellungsschluß
wurde die Jury für alles Mögliche und
Unmögliche zur Verantwortung gezogen und
schließlich sahen die Künstler, die sich für
fortschrittlich gesunde Verhältnisse auf den
Jahresausstellungen seit Jahren geopfert hatten,
daß es unmöglich war, mit der Genossenschaftsmajorität
ihre Ideale zu verwirklichen,
zumal auch die Ausstellungsstatuten in einer
Weise verändert wurden, daß der bisherige
Fortbestand der Jahresausstellungen fernerhin
unmöglich war. Da auch mir durch eine projektierte
Neugestaltung meines Vertrags als
Geschäftsführer der Münchener Künstlergenossenschaft
unmöglich gemacht werden
sollte, im Sinne der Jury für die Kunstausstellungen
im Glaspalast weiter zu wirken, zog
ich es vor, meinen bis Ende 1893 laufenden
Vertrag schon im März 1892 zu lösen.
Bald nach dieser Zeit erschien der Aufruf,
der die Gründung der Secession veranlaßte
und dem sofort viele Künstler Folge leisteten.
Er lautete:
Collegen!
Die letzten Vorgänge in der Münchener
Künstlergenossenschaft dürften Ihnen im Allgemeinen
bekannt sein — sie waren derart,
daß sie gebieterisch die Stellungnahme jedes
einzelnen Mitgliedes erfordern. Eine lange
bestehende Gährung kam endlich ans Tageslicht
und führte eine Spaltung herbei, die unvermeidlich
war und auch nicht wieder auszugleichen
ist. Der Kampf, der jahrelang geheim
geführt wurde, ist nun mit Erbitterung
an der Oberfläche entbrannt — es ist der
Kampf der unzufriedenen und gekränkten
Mittelmäßigkeit gegen das Künstlertum, der
Reaktion gegen den Fortschritt; und wenn die
Mehrzahl unserer Mitglieder, darunter viele
namhafte Künstler, in absoluter Verkennung
der Wandlungen, die sich in der Kunstwelt
vollzogen haben, glaubt, durch ungeschickte
Maßnahmen die „gute alte Zeit" wieder heraufbeschwören
zu können, so werden sie in
ihrem Mangel an Einsicht nur noch durch
den Vorstand übertroffen, der, in seiner
Majorität zur Wahrnehmung rein künstlerischer
Interessen unfähig, sich seinerseits an jene
Mehrheit hält und durch sie existiert.
Eine Körperschaft von etwa tausend Mitgliedern
, von denen, wie die Statistik der
letzten drei Jahre ergibt, nur etwa zwei Fünftel
Aussteller sind, drei Fünftel derselben aber
zum großen Teile nicht nur kaum den Namen
„Künstler" verdienen, sondern sogar diejenigen,
die solche sind, durch ihre Stimmenmehrheit
terrorisieren und auf ihre Bestrebungen lähmend
einwirken — eine solche Körperschaft
ist der hohen Aufgabe, die ihr zukommt, nicht
mehr gewachsen.
Wir, die Künstler, wollen Herren in unserem
Hause sein! Wir wollen uns nicht länger von
malenden Juristen und Parlamentariern bevormunden
lassen!
Wir wollen nicht, daß jedes Jahr unsere
Ausstellungen nach Idee und Art aufs Neue
angefochten und in Frage gestellt werden.
Und in Frage gestellt, in hohem Grade gefährdet
, sind sie worden durch die neuerlichen
Statutenveränderungen, durch die Entfernung
unseres erprobten Geschäftsführers.
Die Jahresausstellungen liegen nicht nur
uns am Herzen, sie sind auch die Lieblinge
unseres hohen Protektors, der Stadt München
, des kunstsinnigen internationalen Publikums
geworden.
Wir, Unterzeichnete, zum größten Teile die
Mitbegründer derselben, wir haben uns zur
Rettung der Jahresausstellungen, zur Rettung
unserer Ideale zusammengetan; wir sind entschlossen
, uns von einer Gemeinschaft zu
trennen, wo wir für unsere Ideen weder Verständnis
noch Entgegenkommen gefunden haben.
Wir wollen hiemit den Grundstein legen zu
einem neuen Baue, der alle Münchener Künstler
— Künstler im wahren Sinne des Wortes
— einerlei von welcher Richtung, in sich
aufnehmen soll und wir zweifeln nicht, daß
sich uns unsere deutschen Kollegen anschließen
werden.
Wir gründen einen Verein von Künstlern
behufs Abhaltung von jährlichen internationalen
Ausstellungen rein künstlerischer Art, wobei
wir dem einzelnen Künstler möglichsten Spielraum
gewähren; wir wollen wahre Kunst von
jeder Richtung pflegen; wir wollen mit allen
Mitteln eine zwar strenge aber unparteiische
Jury erstreben; wir wollen, unabhängig von
Die Kunst für Alle XXVIII.
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