Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 353
(PDF, 174 MB)
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GEORGE MINNE

geschaffen, zumeist lagernde, halbaufgerichtete
Gestalten, von denen eines der schönsten hier
abgebildet ist: das Grabmal für Rodenbach
(Abb. S. 353), eine aus dem Marmorblock sich
loslösende Trauernde, gleichsam ein Symbol
der von der Erde sich loslösenden Sehnsucht
nach dem Ueberirdischen.

Minnes Kunst zeigt sich nicht nur auf seinem
eigentlichen Gebiete der Bildhauerei, sondern
auch in zahlreichen graphischen Arbeiten, die
eine statuarische Kraft nie verleugnen:. Es
gibt frühe graphische Arbeiten von Minne, und
gleich sieht man in ihnen die hart umrissenen,
knappen, eckigen und spitzen Konturen, die
er auch seinen Figuren gegeben, jene auf den
ersten Blick nichts weniger als liebenswürdige
oder einschmeichelnde Art der Gotik. — Er
hat mehrere Werke neuerer Schriftsteller seines
Heimatlandes mit Illustrationen versehen, z. B.
Werke von E. Verhaeren, Gregoire le Roy und
Maeterlinck. Bei uns erregten s. Z. (im ersten
Jahrgang der „Insel" 1900) die kraftvollen
Zeichnungen Aufsehen, mit denen Minne, auch

GRABMAL DES DICHTERS RODENBACH (MARMOR)

hier den Bildhauer nie verleugnend, den Text
des Dramas „ Schwester Beatrix " von Maeterlinck
geschmückt hatte: streng-herbe Blätter von
hieratischer Gebundenheit, voll von innerem,
glühendem religiösen Feuer einer leidenschaftlichen
Begeisterung, in starren Linien eines bald
primitiv, bald revolutionär anmutenden Stilismus
, von dem knorrigen Pathos, das ja überhaupt
für Minnes Kunst charakteristisch ist. —

So schafft der Künstler in ländlicher, friedvoller
Abgeschiedenheit, nur ringend mit seinem
harten Material und dem quälenden Weh der
Menschheit, selber geführt von lauterem Stilempfinden
und sicherer Geschmacksbildung.
Schon die Zeitgenossen vermögen die Grenze
seiner schöpferischen Gestaltungskraft zu erkennen
; es liegt uns fern, ihn den ganz Großen
, den Genialen der Kunst beizuzählen,
aber wir dürfen ihn sicher zu den Seltenen
rechnen, die still, ihres Weges und Zieles sich
bewußt, die Formen einer vergangenen Zeit
neubelebend, so mit eigenen Werken unsere
Zeit bereichern.

Die Kunst für Alle XXVIII. 353 45


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