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Malers P. O. Runge hinterlassenen kunsttheoretischen
Schriften gefunden. Er schreibt
am 7. November 1802: „Wie selbst die Philosophen
dahinkommen, daß man alles nur aus
sich heraus imaginiert, so sehen wir, oder sollen
wir sehen in jeder Blume den lebendigen Geist,
den der Mensch hineinlegt, und dadurch wird
die Landschaft entstehen, denn alle Tiere und
Blumen sind nur halb da, sobald der Mensch
nicht das Beste dabei tut; so dringt der Mensch
seine eigenen Gefühle den Gegenständen um
sich her auf, und dadurch erlangt alles Bedeutung
und Sprache. ..." Damit sprach der
erste Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts
zu uns — als Romantiker. Die Romantiker widmeten
der Natur eine wahrhaft religiöse, pan-
theistische Verehrung. Runge sprach sich aber
auch als Maler (Theoretiker) um 1800 am bestimmtesten
über den Wert der Farbe als Kunstmittel
aus. „Die Blumen, Bäume und Gestalten
werden uns dann aufgehen, und wir haben einen
Schritt näher zur Farbe getan! Die Farbe ist die
letzte Kunst und die uns noch immer mystisch
ist und bleiben muß." Runge sieht allerdings
gleichzeitig und vielleicht vorwiegend in der
GEORGE MINNE
FRAUENKOPF (MARMOR)
Farbe ein Mittel, romantisch-mystischen Weltideen
und religösen Gefühlen eine Aussprache
zu verleihen. Diese Romantiker haben überhaupt
der Farbe Interesse entgegengebracht.
Im Athenäum von 1798 werden Forsters Kunstbetrachtungen
erörtert und tadelnd gesagt:
„Er sucht die Würde des Gegenstandes und
vergißt darüber das Verdienst der Behandlung.
Deshalb wird er zuweilen unbillig gegen Niederländische
Meister, wo das Letzte vorwaltet."
Der Farbe wird mehr und mehr das Wort
geredet, so daß wir in einer Kritik der Berliner
Gemäldeausstellung vom Jahre 1826 in
Berlin ganz modern klingende Erörterungen
über Koloristik zu lesen bekommen. Es war
ganz folgerichtig, daß die Richtung unter den
Malern, welche die landschaftliche Natur als
Arbeitsgebiet sich ausgesucht hatten, auch die
Licht- und Farbenwirkungen beobachteten. Es
kam allmählich und immer wirkungsvoller hinzu
, daß Reisen in den Süden ständig häufiger
wurden. Italien wurde von Griechenland, von
Aegypten, ja selbst von Afrika verdrängt. Das
Publikum erhob ebenfalls höhere Ansprüche,
weil es unterrichteter wurde.
Wir können hier zwei Richtungen
unterscheiden. Die eine schließt sich
insofern der Rungeschen an, als sie
einen gewissen philosophierend-religi-
ösen Grundcharakter enthält. Caspar
Friedrich (1774—1842) folgt in seinen
Landschaften unleugbar derartigen
Wünschen. Er zählt aber insofern zu
den jüngeren Romantikern, als er realistischer
, farbenfreudiger ist. Friedrichs
Gemälde sind einfach, den Motiven
nach schlicht deutsch. In ihnen klingt
wieder, was man vom Einswerden von
Seele, Gott und Natur erträumte. In
seinen Landschaften scheint Form,
Farbe und Ton erhalten zu haben,
was Schelling einmal in die Worte gefaßt
hat: „Was wir Natur nennen, ist
ein Gedicht, das in geheimer wunder-
M barer Schrift verschlossen liegt. Doch
könnte das Rätsel sich enthüllen, würden
wir die Odyssee des Geistes darin
erkennen, der wunderbar getäuscht,
sich selber suchend, sich selber flieht;
denn durch die Sinnenwelt blickt nur
wie durch die Worte der Sinn, nur
wie durch halb durchsichtige Neblel
das Land der Phantasie, nach dem wir
trachten."
Neben Friedrich nennen wir gerne
und mit Recht Fr. Waldmüller und
J. E. Schindler. Sie geben ebenfalls ganz
phrasenlose Schildereien der Natur,
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