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GEORGE MINNE
malen mit Vorliebe den von dem deutschen
Volke wieder als Germaniens Symbol empfundenen
deutschen Wald. Als Lichtmaler geht
Waldmüller über Friedrich insofern hinaus,
als er offenbar seine Gemälde ganz oder wenigstens
zum guten Teil vor der Natur fertig
gemalt hat und allen „romantischen" Beleuchtungseffekten
abgeneigt, aber von innigen, zarten
Empfindungen beseelt ist. Man darf hier
überall schon auf Chopin, Lenau, Chamisso,
Schumann einen Blick werfen.
Die freundlichen Gegenden von Mitteldeutschland
, der stille Meeresspiegel der Ostsee
und der Wald waren die Domäne Friedrichs
und Waldmüllers gewesen. Aber sollten
nur die Dichter und die Geographen das Hochgebirge
unseres schönen Vaterlandes verherrlichen
? Die Berge, auf denen die Freiheit
wohnt, waren besungen und in ihrer eisigen
Pracht dem Forscher Untertan geworden. J. A.
Koch aus Obergiblen in Tirol hatte aber auch
schon, als Hallers Preislied der Alpen fast noch
druckfeucht war, die majestätische Größe des
Gebirges den Malern gewonnen; allerdings nur
die Form, nicht die feinen Nebelschleier, das
glitzernde Leuchten und Funkeln, von denen
die Massive der Tiroler Alpen umschwebt und
überleuchtet sind. Die ersten Nachfolger
Kochs wagten sich noch nicht wieder in diese
Höhen gleich den Dichtern. Bei den Vorbergen
und Hochplateaus blieb man vorwiegend
ZEICHNUNG
stehen. Das Publikum verlangte zunächst nichts
anderes; denn die Höhenklimaorte wurden noch
nicht aufgesucht, waren unbekannte Einöden.
Jene sinnliche Koloristik in den Gedichten
eines Heine, jene Farbeneleganz etwa in den
Ghaselen eines Platen, um zwei Namen zu
nennen, und die soeben entstehende Anteilnahme
an den vierten Stand mußten auch in
der Malerei ihren Widerklang finden. Den
bietet ein Meister wie Blechen im allgemeinen
und im besonderen, wie etwa in seiner Malerei
mit der Darstellung einer Fabrik, dem ersten
Fabrikbild in der deutschen Malerei.
Die andere Richtung in der Landschaftsmalerei
stand mit der geschichtsphilosophischen
Auffassung und mit Resten klassizistischer
Neigungen in Uebereinstimmung. Rottmanns
Malereien nach griechischen Motiven dürfen
als malerische Folgeerscheinung gelten, während
die jüngeren Maler außerdem den neu erwachenden
besonderen koloristischen Aufgaben
gerecht zu werden beginnen.
Ein Meistername leuchtet endlich als „Märchen
-Landschaftsmaler" in diesen Jahrzehnten
mit besonders warmstrahlendem Glanz zu uns
hernieder, der des Moritz von Schwind. Nach
all dem, was ich über das Auferstehen der
alten deutschen Sagen und Märchen bemerkt
habe, ist das Schaffen Meister Schwinds fast
wie eine Naturnotwendigkeit zu betrachten. Es
sei erinnert an die reiche Ernte, welche die
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