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Gebrüder Grimm in ihren allbekannten Märchensammlungen
, Arnim in seines Knaben
Wunderhorn, Bechstein in seinen thüringischen
Volksmärchen (1823), Bartsch in seinen
mecklenburgischen und Müllenhof in den schleswig
-holsteinischen Märchen und Sagen, und so
viele andere Sucher auf diesem Gebiete zusammengebracht
hatten. Die Dichtungen eines
de la Motte-Fouque, Körner usw. boten den
lebensstarken Halt, an den sich die Sagen- und
Märchenmalerei dieser Tage anlehnen konnte.
So seltsam es manchem auch dünken mag,
kein Geringerer als Arnold Böcklin ist aus
dieser Neigung des deutschen Volkes für das
Singen und Sagen aus alten Zeiten und zur
landschaftlichen Natur zu erklären. Zweifelsohne
hat des Meisters Vorliebe für die klassische
Mythologie den Anlaß zur Wahl der Motive
aus der antiken Mythologie und als Handlungsort
Italien gegeben, aber das treibende
Moment fand Böcklin in den damaligen kulturellen
Grundlagen Deutschlands. Wie die
altnordischen Sagen- und zahlreiche Märchenfiguren
Personifikationen der deutschen Liebe
zur Landschaft sind, so auch Böcklins Malereien
. Erfüllt von dem Wesen der ja ursprünglich
ebenfalls aus Naturdichtungen hervorgegangenen
antiken Mythologie überträgt er sein
Ich — das Fichtesche „Ich" - - auf die Natur.
Böcklin gehört in diesem Sinne zu den koloristischen
Stimmungsmalern der Romantik.
Aber die Tage der Romantik waren gezählt.
Als sie noch in Blüte zu stehen schien, erwuchsen
ihr schon kraftvolle Feinde. Die
Kämpfe zu Beginn des Jahrhunders hatten die
nüchterne Tatkraft überall wachgerufen. In
sicherem festen Schritte geht die deutsche Welt
aus der Romantik heraus und voran. Neue,
dem praktischen Leben zugewandte Kräfte erringen
ständig mehr die Oberherrschaft.
In Deutschland herrschte allerdings politisch
seit der Wiener Konferenz (1815) Ruhe. Eine
neue Entwicklung setzte ein mit dem seit 1818
langsam wirkenden, aber erst 1833/34 tatsächlich
in die Erscheinung tretenden „Zollverein
". In der Neujahrsnacht von 1833 zu
1834 fielen die Schlagbäume zwischen den
meisten deutschen Ländern. Groß-Deutschland
erstand zu neuem, immer reicherem Dasein.
Im Jahre 1831 erhielten in Preußen die Städte
das Recht des Ortsstatutes und der vereinigte
Landtag erregte mächtig die Anteilnahme an
der gesamten inneren Politik. J. Jacoby aus
Königsberg verlangte gegen die Hauptgebrechen,
Beamtengewalt und politische Nichtigkeit der
Bürger, Oeffentlichkeit und Vertretung (1840).
Die moderne Großmacht, die „Presse" entstand
seit 1815. Der volle Strom der Politik
ergießt sich damit allmählich in das bürgerliche
Leben. Die Zeitung schuf eine öffentliche Meinung
, die sich unaufhaltsam Bahn brach, obgleich
in Deutschland die Regierungen diese gefährliche
Macht tunlichst zurückzudrängen versuchten
. Es erschienen von 1823—1847 deshalb
nur 22 neue politische Zeitungen. Eine
andere „Großmacht", die Dampfkraft, erzwingt
sich ebenfalls langsam ihre Stellung in Deutschland
. Bei alledem wurden, besonders schnell
seit ca. 1830, die Lebensbedingungen von vielen
Tausenden durch das rapide Emporwachsen
der Industrie gründlich umgeändert. München
erhielt im Jahre 1818 —■ in demselben Jahre
kehrte Cornelius aus Italien nach München
zurück (!) — seine erste bayerische Industrieausstellung
; die erste allgemeine deutsche fand
1842 statt. Friedrich List stiftete 1819 den
deutschen Handelsverein, der die Kaufleute
von Mittel- und Süddeutschland umfaßte.
Auf dem Rhein fuhren Dampfer seit 1818
(auf der Donau von 1830 an) und am 7. Dezember
1835 wurde bekanntermaßen die Eisenbahnlinie
Nürnberg—Fürth dem Verkehr übergeben
, 1837 Leipzig—Dresden, und nun ging
es mit Volldampf voran. Auch mit der Zersetzung
der Gesellschaft. Es gab von jetzt an
steigend einen immer schroffer werdenden Gegensatz
zwischen reich und arm. Von 1830
an werden die sozialistischen Probleme entwickelt
, und die moderne Frauenfrage erörtert.
Das Weib soll in der Liebe, in dem bürgerlichen
und politischen Leben frei sein. Die
politische und literarische Bildung, um die in
den Salons der dreißiger und vierziger Jahre
so heiß geworben wurde, sollte alle trennenden
Untiefen überbrücken. Das neuzeitliche 1 O.Jahrhundert
setzte sich immer sicherer durch.
Den maßgebenden Ausdruck von allem diesen
finden wir noch immer in der Philosophie, in
der Literatur weiteren Umfanges und in den
bildenden Künsten. Diese drei Mächte beherrschten
in den dreißiger und allmählich zurücktretend
in den vierzigerJahren das geistige
Leben. Das religiöse Moment ist offiziell mehr
zurückgetreten, die „Stillen im Lande", die
Mucker erscheinen mehr wie absterbende Reste.
^Die Stunde eines Rückert, Immermann, Gutzkow
, Heine, Laube, bald eines Storm, Reuter
hatte geschlagen, Karl Maria von Weber komponierte
den Freischütz.
Weiter spannte sich der Horizont durch die
Möglichkeit des schnelleren Verkehrs in Stadt
und Land, in Literatur und Kunst debattierten
neue Kräfte. Daheim aber freute man sich
noch der Ruhe, saß in den behaglichen, etwas
niedrigen Biedermeierstuben oder guckte in
den „Spion" am Fenster. Nie zuvor hatte die
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