Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 360
(PDF, 174 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0442
deutsche Malerei so viel zu erzählen gehabt
wie jetzt. Es dominierte die gemalte Anekdote
. Nichts im Alltag ist zu klein, um nicht
den Pinsel interessieren zu können. Jedoch
auch hier erwachsen neue Gedanken, vornehmlich
rein malerische. Die zaubervolle Farbenpracht
, welche die alten Koloristen dort oben in
den von feucht schimmernden farbenreichen
Tönen umspielten Niederlanden, im Süden
unter dem über den Lagunen tief erglühenden
Himmel hatten aufleuchten lassen, nahm die
Maler ständig mehr gefangen und umstrickte den
Laien. Man lebte ja nicht mehr in transzendenten
Ideen, im weiten Sinne des Wortes, man
entfremdete sich mehr und mehr der „blauen
Blume" und erkannte wieder die köstlichen
Kinder Floras, die auf der Erde wuchsen. Man
sah nun die Pracht der Farbe; aber zu sehr geblendet
von dem Glänze, der aus versunkenen,
noch lebensvoll empfundenen Jahrhunderten
herüberstrahlte, blieb man als Kolorist zunächst
zu einem Teil ein Enkel der Natur. Der Führer
war nur nicht mehr das Quattrocento, sondern
die Hochrenaissance, ja der Barock (Rubens).
Da der materielle Besitz auch größer geworden
war, so forderte der Reichtum seinen Prunk.
Man suchte dafür ein Vorbild, die Hochrenaissance
bot auch dieses.

Bereits in den dreißiger Jahren begann sich
die Stellung der Kunst zur gebildeten Gesellschaft
allmählich zu ändern. Sie hatte bisher,
im Verein mit Religion, Philosophie und Literatur
, das allgemeine Leben beherrscht, jetzt hatte
sie dem politisch-sozialen Wollen und dem
kaufmännischen Betriebe im weiteren Umblick
die erste Stelle einzuräumen. Deutschland beginnt
politisch mit männlich fester Hand einzugreifen
. Aus den romantischen Träumen erwuchs
der Ernst des Lebens. Hegel schreibt
1830: Gegenwärtig hat das ungeheure politische
Interesse alle andern verschlungen. Das
Weltbürgertum war hinabgesunken, das vaterländische
Wollen und Wünschen herrschte. Die
Julirevolution rief auch in Deutschland gewaltige
innere Erregung und tatenfrohes Wollen
hervor. Das Jahr 1848 bereitete sich vor.

Wir bemerken in der Malerei der ersten
vierziger Jahre ein auffallend starkes Streben,
das schlechthin Gesehene sehr realistisch,
schmucklos wahr zu geben. Der bedeutendste
Vertreter ist Menzel, dessen Werke aus diesen
Zeiten vor wenigen Jahren so großes Erstaunen
wachriefen. Wer meinen Darlegungen gefolgt
ist, wird darüber wenig erstaunt sein, vielmehr
verstehen, warum endlich ein Meister wie Menzel
erstand, der im Volkstone, aus dem starken
deutsch-politischen Empfinden heraus und
scharfäugig in die Welt blickend Friedrich des

Großen von Preußen Leben in Holzschnitten
erzählte, des Fürsten Wirken schilderte, der
indirekt so viel für das Erwachen eines deutschnationalen
Fühlens und Strebens getan hatte!
Die Mitte des 19. Jahrhunderts ist erreicht.
Ein neues Zeitalter ersteht, das des wiedererstandenen
deutschen Kaiserreichs. Leben und
Kunst wandeln sich von neuem.

DREI MONUMENTALBILDER VON
LUDWIG DETTMANN

A nläßlich der Jahrhundertfeier sind von Ludwig
Dettmann, dem Direktor der Königsberger
Kunstakademie, drei Riesenbilder gemalt worden:
Die Ansprache Yorcks an die ostpreußischen Stände
am 5. Februar 1813, die Erhebung des Volkes und
der Kampf der Landwehr gegen französische Garde
(Abb. S. 359). Jedes Bild ist 11,0m lang und 4,5 m
hoch, also von wahrhaft riesigen Abmessungen, aber
auch von einer inneren Gestaltungskraft und einer
technischen Durchführung, wie wir sie bei Dettmann,
dem weich Empfindenden, dem malerisch duftig und
zart Schaffenden noch nicht gesehen haben. Wenn
auch alles auf Linie und Form, auf übersichtliche
Massengruppierung und deutliche Herausarbeitung
des Stofflichen aufgebaut ist, so macht sich doch
auch überall, in der Winterlandschaft des zweiten
Bildes und in dem blutigrotem Himmel des letzten
Bildes der Stimmungs- und Farbenkünstler bemerkbar
. Besonders in dem dritten Bilde mit dem Kör-
nerschen Geleitvers „Du sollst den Stahl in Feindes
Herzen tauchen . .." erreicht Dettmann aber auch
eine dramatische Wirkung von hinreißender und
unbändiger Kraft und Leidenschaft. Das ist nicht
mehr eine bestimmte Schlachtenepisode, keine Einzelheit
wie sie hundertfach in jedem Kampfe vorkommt
, das ist die allgemeine, wachgewordene
Volkskraft, die den herrschenden Zeitgeist verkörpert
, das ist die Verbildlichung des unbeugsamen
Willens, der alles niederwirft, was sich ihm entgegenstellt
. Und wie klar und plastisch treten die Gruppen
hervor, sind die Massen gegliedert, ist rein
kompositioneil eine Abstufung in das Bild gebracht!
Den Massenwerten sind aber auch Farbenwerte gegenübergestellt
, die sich trefflich das Gleichgewicht
halten. Mag auch diese oder jene Einzelheit etwas
summarisch, vielleicht auch zu flüchtig behandelt
sein, dieser oder jener Griff nicht ganz der Wirklichkeit
entsprechen, so bleibt dieses Werk doch ein
Markstein in der Entwicklung Dettmanns zum Linien-
und Formenstil, vom Lyriker zum Dramatiker und
Monumentalkünstler. Dr. a. Ulbrich

PERSONAL-NACHRICHTEN

LJ ANNOVER. An Stelle des Direktors Dr.Behnke,
*■ *■ der zum Leiter des Hannoverschen Provinzial-
museums berufen war, ist jetzt nach etwa einjähriger
interimistischer Amtsführung Dr.Brinck-
mann zum Direktor des in starkem Aufschwünge
befindlichen städtischen Kestner-Museums, dem
auch die übrigen städtischen Sammlungen unterstellt
sind, ernannt worden. pi.

ESTORBEN: In Düsseldorf im Alter von 56Jahren
^JC der Maler Theodor Groll jr., bekannt durch
landschaftliche Architekturbilder; in Charlottenburg,
52Jahre alt, der Bildhauer Hans Arnoldt, Schöpfer
verschiedener Denkmäler.

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