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LUCIEN SIMON
SELBSTBILDNIS
LUCIEN SIMON
Von Wilhelm Michel
Eine reiche Produktion von zwanzig Jahren
liegt heute hinter ihm. Im vorigen Jahre
brachte Bernheim eine umfassende Darstellung
seines gesamten Schaffens, und selbst diejenigen
, die nicht zu den Parteigängern von
Simons künstlerischer Weltanschauung zählen,
konnten der Kraft, der Redlichkeit, dem brennenden
Wahrheitsstreben, der echt „protestantischen
" Gesinnung dieses Schaffens ihre ernste
Anerkennung nicht versagen. Lucien Simons
künstlerische Weltanschauung ist von innen
heraus realistisch, d. h. es handelt sich bei
ihm stets um treue Charakterisierung äußerer
Wirklichkeit. Aber dieses Streben ist getragen
von einem ungemein kraftvollen Temperament,
von einer sinnlichen Eindrucksfähigkeit, die
seine Gemälde über die Anekdote erhebt und
geradezu stilistisch steigert.
Lucien Simon ist ein echter Pariser, einer
Sämtliche Reproduktionen dieses Aufsatzes sind nach den
photographischen Aufnahmen des photographischen Verlages Em.
Crevaux in Paris, 136 Boulevard Raspail, hergestellt.
alten Bürgerfamilie entstammend, in der die
Tradition der zähen Arbeit herrscht, in der
wohl seit Jahrhunderten eine sehr kühle,
ruhige Vernunft die Lenkerin aller Geschicke
war. Man kann sich denken, daß es da dem
Sohne nicht allzu nahe gelegt war, gerade die
Malerei als Lebensberuf zu ergreifen. In der
Tat sollte aus Lucien erst ein Polytechniker
werden, dann geriet er in literarische Kreise
und versuchte sich sogar einmal dramatisch.
Aber eine Reise nach Holland, wo er mit dem
größten Entzücken Frans Hals gesehen hatte,
genügte, um ihn der Malerei in die Arme zu
führen. Nicht ohne Kampf gaben die Eltern
nach, und Lucien trat in die Ateliers Julian
ein, wo Bouguereau Lehrer war, allerdings bloß
nominell. Schon in der kurzen, literarischen
Periode war Simon Realist gewesen. An Flaubert
, an Maupassant hatte er sich orientiert.
Realist blieb er auch als Maler; sein Vorbild,
sein Gott war Frans Hals. 1890 schon kam
mit der ersten größeren Arbeit der erste Erfolg;
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Die Kunst für Alle XXVIII. 16. 15. Mai 1913
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