http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0448
1902 ist es eine ununterbrochene Kette starker,
charaktervoller Schöpfungen, als deren bedeutendste
zu nennen sind: „Prozession von
Pronoan" 1894, „Circus" 1898, „Kämpfe in
der Bretagne" 1899, „Cabaret au pied d'un
menhir" 1900, „Wahrsagerin" 1901. Anfangs
ist die Temperamentsnote in diesen Bildern
durchgehends ernst und schwer; charakteristisch
dafür sind jene Bildnisse von alten Leuten
in ernsten, strengen Gewändern, inmitten einer
freudlosen Häuslichkeit, in der sie ihre traurige
, einsame Existenz hinbringen. Unter dem
Einflüsse des Pleinair erfuhr auch Simons
Palette ihre Aufhellung. In den neueren Gemälden
„Kartoffelernte", „Stumme Messe",
„Frauen in der Kirche", ,,Menhir", „Fischer
am Strand" sind die Gesichter mehr „geschrieben
", bedeutender erfaßt, reicher an Ausdruck
, die Form wesentlich fester und entschiedener
. Seine Kinder malt er nicht mehr
als Einzelporträts wie früher, sondern in allen
Zuständen und Bewegungen. Ja, man könnte
fast von einem neuen dekorativen Zuge sprechen,
der bei ihm auftaucht und sich in einer ihm
bisher unbekannten Vorliebe für klangvolle,
verschlungene Rhythmen ausspricht. So zahlt
auch er, der Realist, schließlich dem subjektiv
-idealistischen Zuge der Zeit seinen
Tribut: von einer Italienreise her hinterlassen
ihm Ghirlandajos Fresken zu Florenz den
stärksten Eindruck und die schönste Erinnerung.
So mag seiner Kunst schließlich noch eine
Wendung beschert sein, die dem Bilde des
Künstlers nicht unwesentliche neue Züge hinzufügen
könnte. In der Geschichte der neueren
französischen Malerei wird er jedenfalls als
eine charaktervolle und mannhafte Erscheinung
fortleben.
Ein Kunstwerk ist unter allen Umständen
eine Sache, die Vergnügen machen, Genuß
bereiten, in irgend einer Weise den Beschauer
über das Misere des Alltäglichen weg und in
Stimmung versetzen soll. stauffer-bern
LUC1EN SIMON ZEREMONIE IN ASSISI j
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