Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 367
(PDF, 174 MB)
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schworen werden kann. Aber Cezanne und
Hodler grenzen auch die formalen Probleme
der neuen Kunst ein und hierbei möchte ich,
vom Buche Burgers fortspinnend, besonders
verweilen; denn zum Unterschiede von jener
philosophischen Ausdeutung der Kunst, die aus
dem absolut andersartigen Tun und Streben
der Maler die reinen Erkenntnisprobleme herauskristallisiert
, führt uns die Betrachtung der
Bedeutung beider Künstler für die Weiterentwicklung
zu einer historischen Fragestellung
und wir begreifen ihre unlösliche Zusammengehörigkeit
aus ihrer polaren Gegensätzlichkeit.
Cezanne und Hodler ist die geschichtsphilo-
sophische Synthese von Cezanne oder Hodler.

Eine solche Behauptung kann nur solange
paradox erscheinen, als wir uns künstlerische
Entwicklung als eine Linie vorstellen, die
durch die Fortbewegung eines Punktes entstanden
wäre; eine populär-mathematische Vorstellung
, die dem Wesen der Kunst völlig
widerspricht. Denn diese ist ein reiches In-
einanderspiel von Kräften, ein tausendfältiges
Ausdrücken der schöpferischen Persönlichkeit
und ein ebenso vielfaches Einwirken auf andere;
von all diesen wirkenden Kräften kann nach

einem Gesetz geistiger Oekonomie, an dem wir
doch nicht zweifeln sollten, keine unverbraucht
zu Boden sinken. Sondern jede Ursache gabelt
sich, jede Wirkung ist mit einer Gegenwirkung
verkettet und all diese ins Leben gesetzten
Keime sammeln sich an den Polen einer Zeitkunst
. In allen Perioden, in die wir tieferen
Einblick haben, werden wir solcher Zweiteilung
gewahr; jede Zeit ist zwar eine Einheit, aber
die Elemente, die sie hervorbringen, sind nach
entgegengesetzten Richtungen gerichtet und die
polar orientierten Energien, die sich bisweilen
in eine Schar verschiedenartiger Erscheinungen
zersplittern, verlaufen auch häufig an beiden
Enden in einen überragenden Einzelnen, der
sie zusammenfaßt. Michelangelo und Tinto-
retto, Rembrandt und Poussin, Goya und Thor-
waldsen, Cezanne und Hodler, jedes Paar eine
Zusammenfassung, die der Folgezeit als Basis
dient; jedes Paar eine Einheit, deren Hälften
einander ergänzen und ausschließen.

Cezanne und Hodler sind der Sockel der
Zukunft, weil sie mit mächtigen Armen alles
auffangen, was die Vergangenheit zu vererben
hatte; sie tragen die Malerei des zwanzigsten
Jahrhunderts, weil sie alles zusammenfassen,

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LUCIEN SIMON DER MENHIR \

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