Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 372
(PDF, 174 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0456
HENRY THODES MICHELANGELO-WERK*)

LJenry Thode hat sein reiches, wertvolles Lebens-
werk begonnen mit der psychologischen Analyse
des herzensgenialen Heiligen von Assisi und er hat
die Kunst Italiens, die sich an das Auftreten des
heiligen Franz knüpfte, als den Anfang der Renaissance
aufgedeckt. Nun aber, kurze Zeit, nachdem
er an der Schwelle
des Greisenalters
sein akademisches
Lehramt verließ,
bietet uns Thode
sein endlich vollendetes
dreibändiges
Michelangelo
-Werk dar, das
den bedeutungsvollen
Untertitel
führt: „Das Ende
der Renaissance".
Die beiden Werke,
das über Franz von
Assisi und das
über Michelangelo
, sind von einem
seltsamen Parallelismus
: Dortgeht
es aus der Psychologie
des Individuums
über die
Kunst in ein Zeitalter
hinein, hier
findet man die Abstraktion
aus dem
Kunstwerk, und
über die Persön-
lichkeitdes Künstlers
, als der höchsten
Vollendung
der Renaissance,
wird aus einem
Zeitalter herausgeschritten
. . .

Thode hat mit
seinem „Michelangelo
" keine Biographie
und keine
glanzvolle kulturhistorische
Zeitab-
schilderung geben
wollen. Er hat sich
gesagt, daß diesen
Zwecken das klassische
Michelangelo
-Werk Hermann
Grimms
vollkommen entspreche
. Ihm kam
es vielmehr darauf
an, tief in das
Innere des Meisters
hineinzuführen
und von seiner Zeit nicht ein farbenprächtiges
Abbild zu geben, sondern das Zeitschicksal aufzudecken
, also gleichsam auch eine psychologische
Untersuchung des Zeitalters vorzunehmen. Den
Einklang zwischen dem Künstler und seiner Zeit

LUCIEN SIMON

•) Michelangelo und das Ende der Renaissance. Von Henry
Thode. Band I, II, III. Berlin, G. Grotesche Verlagsbuchhandlung
1901—1912. Band I und II je M. 9.— brosch., M. 11.—geb.,
Band III M. 18.— brosch., M. 22.- geb.

durfte er unter solchen Umständen als die vorwärtstreibenden
Kräfte, die Dissonanzen zwischen beiden
als die Hemmungen ansehen. Es konnte und durfte
natürlich beim Werdegang eines Michelangelo an
Hemmungen nicht fehlen, denn erst sie wetzen,
schärfen, schleifen das Genie. "Wie das von Thode
komponiert ist: Leben und Persönlichkeit, das erinnert
an eine symphonische Dichtung, und aus

der musikalischen
Empfindung heraus
, mit der er
sich Michelangelos
Persönlichkeit,
Zeit und Kunst
vorstellte, mit der
er die Eindrücke
davon niederschrieb
, sind auch
diese Schlußworte
geflossen:„Fürein
Seelenleben von
einer Tiefe und
Erregbarkeit, wie
es Michelangelo
durch seine Zeit
und seinen besonderen
Genius in
der Plastik auszudrücken
gezwungen
war, gab es
fürderhin nur eine
Ausdrucksmöglichkeit
, die ihm
voll entsprach,
weil sie unmittelbar
, nicht vermittels
äußerer Erscheinung
die Seele
kundgibt: die
Kunst Bachs,Beethovens
und Richard
Wagners.

Michelangelos
Kunst, die uns das
Geheimnisder Renaissance
offenbart
, ist zugleich
die in Stein und
Farben verkündigte
Weissagung auf
die kommende Erlöserin
germanischer
künstlerischer
Sehnsucht:
die Musik!"

Ein solcher Satz
allein beweist, daß
das Werk voll der
Probleme steckt.
Es ist sein Vorzug,
daß es so gar nicht
professoral im
landläufigen Sinn
ist. Es prunkt nicht mit Gelehrsamkeit und Wissenschaft
. Alle Forschungsergebnisse und alle archi-
valische Beute ist in zwei besondere Ergänzungsbände
gepreßt worden, in Bände, die mit dem Sondertitel
„Kritische Untersuchungen über Michelangelos
Werke" mit dem wohlkomponierten Hauptwerk nur
in oberflächlicher, thematischer Beziehung stehen.
Das Hauptwerk selbst gliedert sich in drei Gruppen:
„Das Genie und die Welt", „Der Dichter und die

DAS BAD

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