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lieh vollzogen, wie überhaupt alle Stadien seiner
bisherigen Entwicklung immer ganz ruckweise
eintraten, was abermals ein Beleg für das
überaus nervöse Wesen des Künstlers ist. Er
hat dabei stets auch alle nur möglichen Anregungen
aufgenommen, für die Ursprünglichkeit
seiner Begabung spricht jedoch, daß er jeden
Impuls von außen her immer mit eigenem
inneren Erleben zu durchsetzen gewußt hat.
Auch in einer dritten hauptsächlichen Etappe
baut Picasso ersichtlich noch auf einem großen
Vorangegangenen auf, nämlich auf Daumier.
Von 1903 an schafft er eine Serie Bilder,
die ganz auf Vielfältigkeit des Kolorits verzichten
und einen blauen Hauptton aufweisen,
während die Zeichnung das Wesentliche der
Formen nur in starken Kontrasten von Hell und
Dunkel festhält. Dieser Zeit gehören so ausdrucksvolle
Stücke wie der „Mann am Tisch",
die „Armen", „Le menage pauvre"(Abb. S. 380)
und vorab das faszinierende Werk „Mann und
Frau" an, es scheint mir dies die glücklichste
Epoche Picassos, ein Stadium, in dem er das
Zeug aufweist, zu stilvoller Monumentalität vorzudringen
, eine Aufgabe, die mit in erster Linie
den Nachfolgern der großen Maler der neunziger
Jahre des vergangenen Jahrhunderts obliegt.
Ein Hauptwerk krönt jene Zeit; es ist „La
romance du Lapin agile" (Abb. S. 381). Ein
Selbstporträt des Malers, der im Pierrotkostüm
an einem der Tische der bekannten
Pariser Künstlerkneipe sitzt, neben ihm eine
Frau und hinten ein gitarrespielender Mann.
Picasso hat hier wieder die Einfarbigkeit der
vorausgegangenen Arbeiten verlassen, das Bild
ist farbig und linear ausgezeichnet komponiert
und voll künstlerischer Qualität. Wie ein
Schwanengesang wirkt es, angesichts dessen,
was nachfolgt, erhaben und melancholisch zugleich
, denn dann setzt bei Picasso jenes
Tohuwabohu von Experimenten ein, dem nacheinander
sein „Kubismus" und seine „absolute
Malerei" entspringen (Abb. S. 384 und Aprilheft
S. 304). Ich fühle hier nicht das Bedürfnis,
nochmals auf diese „Evolutionen" einzugehen,
was ich darüber zu sagen habe, habe ich
kürzlich in dieser Zeitschrift ausgesprochen.
f
Merkwürdig aber ist es immerhin, daß all
die oben zitierten Werke in einer Zeit entstanden
, da Picasso noch gänzlich unbeachtet
dahinlebte und außer der Aufmerksamkeit von
ein paar Mitstrebenden sich noch niemandes
Gunst erfreute.
n P. PICASSO STERBENDER PIERROT (1905) >
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