http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0472
BERNHARD HOETGER
BILDNIS-STATUE FRAU S.
Gesetze ihrer eigenen Lebensanschauung künstlerisch
zu gestalten hat, solange werden wir
auch keine Kunst der Moderne haben, die aus
Eigenem das Spiegelbild dieser unerhört bewegten
, von tausend Kräften vorangetriebenen,
tausend verschiedenen Sehnsüchten nachfliegenden
Epoche zu formen vermag. Wer aber
als Künstler in diese unsere Zeit, der sich an
Großartigkeit des Wollens nichts in der Vergangenheit
gleichwertig zur Seite stellen kann,
aufrichtig verliebt ist, schaut mit gesteigerter
Erwartung dem Schaffen jener wenigen Künstler
zu, die bewußt mit der Tradition gebrochen
haben und, zunächst noch unverstanden von
der großen Masse, im Innersten den neuen
Klang unserer Zeit erleben und künstlerisch
zu gestalten trachten. Unter diesen ist der
Darmstädter Bildhauer Bernhard Hoetger
zweifellos einer der berufensten.
Indes, bevor wir im einzelnen seine Entwicklung
und sein Werk aufzeichnen, wird es
abermals notwendig, zu verallgemeinern und
dem Verlangen der jüngsten Generation nachzuspüren
, die freilich nur wenige Vertreter
besitzt, die sich ähnlich wie unser Meister zu
einer abgeklärten künstlerischen Weltanschauung
durchgerungen haben. Was diese jüngste
Bewegung sich oft an Extravaganzen leistet,
ist mit Recht verhöhnt und verlacht worden.
Trotzdem aber empfindet man überall auch in
386
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_27_1913/0472