Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 390
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!

Der Plastik im besonderen fällt im Sinne
der hier angedeuteten Tendenzen vielleicht mehr
noch als der Malerei die Aufgabe zu, aus dem
Material heraus jenes Verlangen loszulösen,
von dem eingangs gesprochen wurde. Denn
diese Kunst, die ganz von äußerlichen Mitteln
wie der Farbe, absieht, vermag reiner und
großartiger sich auch dem schöpferischen Gedanken
unserer Zeit zu nähern. Schlummern
doch grade in ihr alle Möglichkeiten, verhaltene
Klänge innerster Leidenschaft in Formen
zu bannen, die ganz als Empfindung gedacht,
ganz auch als Rhythmus gewertet werden. Hier
erfährt vielleicht die prometheische Zeugungsfreudigkeit
ihre höchste Erfüllung, nur wird
es Aufgabe unserer Gegenwart sein, der Bildhauerei
wieder jene hohe Stellung einzuräumen
, die sie vordem in allen großen Kulturen
der Vergangenheit innegehabt hat. Daß sie
heute zu gutem Teil noch ihre Kräfte im Dienste
der Architektur und des Kunstgewerbes verzettelt
(von den überkommenen Aufgaben so-
genannterDenkmalskunst gar nicht zu sprechen),
ist nicht genug zu beklagen; denn mehr als
jede andere Kunstübung ist die Plastik Selbstzweck
, mag auch in der Vergangenheit dieser
Kunstzweig in harmonisch abgeklärten Kulturen
noch so sehr im Dienste einer höheren Gesamtidee
gestanden sein.

Aber auch darüber muß man sich Rechenschaft
ablegen, daß selbst die Gotik, die das
bildnerische Schaffen fast immer in den Dienst
der Architektur einbezog, ihr dennoch in ihrer
selbständigen Entfaltung nie den Weg versperrt
hat, daß selbst die Reliefs an den ägyptischen
Tempeln, die Karyatiden des Erechteion auch
unabhängig von dem Zweck, dem diese Werke
ihre Entstehung verdankten, reine Kunst sind,
sehr im Gegensatz zu dem ausgeprägten kunstgewerblichen
Verlangen, das in der Gegenwart
die Plastik oftmals zu einem unselbständigen
Gliede der Architektur erniedrigt hat. — Durch
diese einseitige Vermischung zweier verschiedener
künstlerischer Tendenzen, der im Prinzip
die Berechtigung gewiß nicht versagt werden
soll, um so weniger als sie zweifellos stilklärend
gewirkt hat, ist der Plastik vielleicht
doch zu viel Lebenssaft für die rein bildnerischen
Aufgaben entzogen worden. Nach dieser
Seite hin bereitet sich heute aber unzweideutig
ebenfalls eine Erneuerung vor, von der die Zukunft
allein zu zeugen berufen sein wird.

Bernhard Hoetger, der einer der wenigen ist,
die sich als Bildner vollkommen frei von allem
Kunstgewerbe gehalten haben (denn selbst seine
Majoliken sind immer reine Plastik) erscheint
heute nicht nur in seiner künstlerischen Entwicklung
wie ein Dokument für die stilbildende

Kraft unserer Tage, sondern er ist im letzten
eine jener seltenen Persönlichkeiten, die sich
über die Stärke ihrer Begabung beizeiten bewußt
wurden, die auf der anderen Seite aber
auch das Gefühl der Sehnsucht, die jeder großen
Kunst die Entfaltung gibt, nach der Erfüllung
unseres neuen Formverlangens besitzen. Seine
künstlerische Entwicklung ist doppelt interessant
, weil in ihr der große Gleichklang mit
dem künstlerischen Aufstieg unserer Generation
selbst vernehmbar wird. Als reiner Handwerker
ist er zuerst aus einer primitiven Steinmetzwerkstatt
hervorgegangen, die ihm in einer bitteren
vierjährigen Lehrzeit, wenn auch keine Künste,
so doch die Herrschaft über das Material vermittelte
. In Paris entdeckte dann der junge
Westfale die große Welt. Rodin führt ihn
für kurze Zeit zum Impressionismus, seine
„Straßentypen", die zuerst Meier-Gräfe auf ihn
aufmerksam machten, sind Beweis dafür, aber
bevor noch Maillol, zu dem man Hoetger sehr
mit Unrecht immer wieder in Beziehung gebracht
hat, an die Oeffentlichkeit tritt, hatte
Hoetger vorgreifend, ähnlich der Art des französischen
Bildners, neue Wege zielbewußter
Stilisierung und künstlerischer Abstraktion beschritten
. Und ganz allmählich erst löst sich
aus diesem Verlangen nach eigenwilliger Gestaltung
das Gefühl für jene neue Schönheit
los, die unabhängig von allem Ueberkommenen
rein aus einer großen plastischen Empfindung
herauswächst, die zwar alles in sich aufgesogen
zu haben scheint, was an reifer Kunst vordem
schon in der Welt vorhanden war, die aber
trotzdem ganz persönlich und neu begriffen und
umgeformt wurde. Ein ungeheurer Rhythmus
erfüllt diese Kunst, wenn man sie im großen
überschaut, und doch ist sie in jeder einzelnen
Schöpfung von jener Reinheit gehöht, die mit
imaginärer Gewalt den Quellen dieser ganz persönlichen
Schöpferkraft entströmt. Man muß
sich, um überhaupt dem Hoetgerschen Schaffen
gegenüber den richtigen Standpunkt zu gewinnen
, immer bewußt sein, daß hier ein
Künstler nur jenen ihm selbst verwandten Ausnahmemenschen
sucht, in dessen Seele ähnliche
Empfindungen nachzittern, der wie der Meister
selbst einen Teil jener Kraft, aus der heraus
sich das großartige Etwas unserer Zeit geformt
hat, im Marmor oder Stein mitzufühlen vermag.
Daß Hoetger nicht zuletzt auch von aller Literatur
abstrahiert, sondern rein künstlerisch nur
Schönheit, Rhythmus, Leben sucht, macht ihn
allein zu einem Vorkämpfer unserer oftmals
in ihrem Verlangen recht unklaren Zeit. Selbst
in den Momenten, wo er rein porträtgemäßen
Aufgaben gegenübertritt, bewährt sich die dem
Bildner eingeborene Kraft höchster Illusion.

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