Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 27. Band.1913
Seite: 394
(PDF, 174 MB)
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BERNHARD HO ET GER

Gewiß trägt er in solchen Augenblicken der
Wirklichkeit und dem Modell Rechnung, aber
doch nur bis zu dem Grade, wo die höhere
Idee nicht von der Natur absorbiert wird —
und doch kann man gerade diesen Schöpfungen
das Kompliment nicht versagen, daß sie den
Weg zu einer Art neuen Griechentums gesucht
und gefunden haben.

Wie jeder Mensch von innerer Kultur bewußt
ein Stück Griechentum in sich trägt oder
sich oft auch in Augenblicken ganz dem primitiven
Lustempfinden an den Werken der Schöpfung
hinzugeben vermag, so entströmt ähnlich
den Hoetgerschen Werken immer wieder ein
Duft jener sakralen Schönheit, die aus den
Wunderwerken alter, längst verklungener Kulturen
zu uns über die Jahrhunderte herüberstrahlt
. Dionysisch edel ist in diesem Sinne
z. B. sein schreitender Jüngling (Abb. S. 407),
der die Klarheit des jungen Tages sucht; ganz in
Rhythmus aufgelöst sein Relief der Tanzenden,
das er für einen Musiksaal auf einem Rittergute
in der Nähe Darmstadts schuf (Abb. S. 396);
madonnenhaft, still und in sich gekehrt die
Wasserträgerin (Abb. S. 393), die sich in ihrem
Formgefühl unbewußt so stark den Werken der
vorperikleischen Zeit nähert; Musik, die Dämmerung
genannte weibliche Büste (Abb. S. 404),
als Ausdruck seelischen Dahinirrens in gren-

LEOPARD

zenlose Fernen. Dem gegenüber erscheint die
köstliche Holzstatuette einer Frau mit Schale
(Abb. S. 387) wie gewollte Verneinung alles
Porträtgemäßen, wie eine dem Material entwachsene
Evagestalt, die den Blick noch nicht
ins Leben tauchte. Hier erst beginnt der reine
plastische Gedanke immer nachhaltiger den
Bildner zu bewegen, der ähnlichen Empfindungen
u. a. auch in einem weiblichen Torso
nachgegangen ist und in dem Elberfelder Gerechtigkeitsbrunnen
vielleicht die vollkommenste
Abstraktion von aller Gegenwart gegeben
hat (Abb. S. 397). Und doch, denken
wir nur einen Moment daran, wie höchste Kunst ^
in der Vergangenheit ewige Symbole rein aus p
dem Gefühl heraus zu gestalten vermochte, so ^
erleben wir gerade vor dieser Schöpfung den
vollen Zauber einer neuen Schönheit, die längst
die Alltäglichkeit zurückgelassen hat. Man muß
— um solcher Gedanken wirklich inne zu
werden — einen Blick auf die prachtvollen
Zeichnungen des Künstlers werfen, die unmittelbarer
noch als die monumentalen Schöpfungen
in Stein oder Bronze in die Gedankenwelt
des Bildners hinabführen; muß dies bewegte
Chaos grenzenloser Gesichte ausgeschöpft
haben, diese wundervollen Gedichte
von visionär empfundener Rhythmik und der
stolzen Kraft der Gebärden, um zu wissen,

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