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BERNHARD HOETGER
daß Hoetger die Elementarweisheiten der Bildhauerei
längst überwunden hat und nur aus
dem Persönlichen heraus noch die Kunst um
wirkliche Werte zu bereichern vermag. In
diesen Zeichnungen aber steht auch ein Meister
auf, der vielleicht eines Tages als Maler im
Besitz großer Flächen neue Wunder zu enthüllen
weiß, Gesichte von traumhafter Schönheit
und eines nicht alltäglichen Lebens. Hier
ist es, wo der Fernerstehende vielleicht am
ehesten empfindet, wie bei Hoetger das Verlangen
nach bezwingender Form, nach sieghafter
Ueberwindung jeglichen Akademismus
in der Tat hinaufsteigt in die Sphäre höherer
Geistigkeit, hier ist er ein rückhaltloser Bekenner
einer neuen Weltanschauung. Hier empfindet
man wieder einmal, daß jede höchste
Kunst ebenso Teil der Persönlichkeit ihres
Schöpfers wie Ausdruck einer allgemeinen Weltanschauung
ist, die entweder Vergangenes neu
zu beleben sich müht oder aber vorgreifend
der kommenden Generation die Wege ebnet.
Und daß Hoetgers Werke für sich ein Stück
Zukunft sind, lehren augenfälliger noch als die
stolze Schönheit seiner bildnerischen Schöpfungen
die von künstlerischer Phantasie durchtränkten
, aus elementarster Empfindung herausgeborenen
Blätter seines Stiftes, von denen ein jedes die
unverkennbare Handschrift des Meisters trägt.
SILBERLOWE
Man müßte, um dem Künstler Hoetger nur
halbwegs gerecht zu werden, noch nachhaltiger
den Quellen nachforschen, denen seine Schaffensfreudigkeit
entspringt, müßte ihn vor allem
auch dem übrigen bildhauerischen Wirken unserer
Tage gegenüberstellen, um zu erkennen,
daß er im letzten mit keinem der bekannten
Künstler etwas gemein hat. Dann würde man
leichthin sehen, daß seine Kunst Stil ist, ohne
stilistisch zu sein, daß seine Büsten da, wo
es sich um porträtgemäße Aufgaben handelt,
Bildnisse sind, ohne Porträts im landläufigen
Sinne zu sein (weil eben hier am augenfälligsten
die höhere künstlerische Geistigkeit sich
selbst im Bilde der Dargestellten sucht), wie
selbst sein prachtvoller Silberlöwe und Leopard,
die er erst kürzlich für das Portal eines rheinischen
Großindustriellen schuf (Abb. S. 394/95),
wohl das Raubtierhafte sprunghafter Katzenart,
die schmiegsame Melodik der vom weichen Fell
überzogenen anatomischen Struktur besitzen,
wie aber auch diese prachtvollen Bestien jenem
höchsten Stilempfinden Untertan geworden
sind, das aus der Masse des Materiales den
höheren Rhythmus loslöst und selbst solche
Tiere frei von aller Stilisierungssucht zu Erscheinungen
umdeutet, die in sich eine Empfindung
preisgeben, die von „höherer Art" getränkt
ist. Diese prächtig modellierten Bestien
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