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BERNHARD HOETGER
Er komponierte keine Genrebilder nach der
Phantasie. Zeigten sich ihm zufällig in der
Natur geeignete Objekte, dann hielt er diese
als Modelle fest und malte sie naturgetreu. Auf
diese Weise entstanden in der Folge unter
anderem „Die Kunstkritiker", „Der Jäger", „Die
Dorfpolitiker" und „Die Frauen in der Kirche".
Freiherr von Perfall, der der Ausführung der
Dorfpolitiker stundenlang zusah, teilt mit*), daß
Leibi nicht eine Figur nach der andern gemalt
habe, daß die ganze Gesellschaft der fünf
Bauern vielmehr von Anfang bis zum Ende
jeder in seiner Stellung bleiben mußte. Keiner
durfte sich bewegen und zwischendurch ertönten
Leibis Rufe wie: „den Buckl in die
Höh', Bandl!" oder „daß ich dir die Pfote
nicht abschlage!" „Willst du dort deinen
Schädel ruhig halten, verdammtes Aas!"
Wie mit den Dorfpolitikern, so war es auch
mit den betenden Frauen; sie mußten vollzählig
immer wieder antreten, so lange, bis das
Bild in allen Teilen fertig war. Die Anforderungen
, die er an die Betreffenden stellte,
>) Jugend 1901, Nr. 3.
WEIBLICHE BÜSTE (BRONZE)
waren gewaltige. Sie mußten lange Zeit aushalten
, mochte ihre Stellung auch eine noch so
anstrengende und die Temperatur des Ortes
auch eine noch so ungünstige sein.
Wie Leibi an seine Mutter schrieb, herrschte
in der Kirche, als er die betenden Frauen
malte, zeitweise eine eiskalte Grabesluft, so
daß ihm die Finger ganz steif wurden. Bekannt
ist, wie unglücklich er war, als ihm eines
Tages das Weitermalen in der Kirche durch
den Pfarrer verboten wurde und welche verschiedenen
Schritte er unternahm, bis ihm
schließlich auf Verwendung des Prinzregenten
die Erlaubnis wiederum erteilt wurde. Nun
erst konnte er weitermalen. Das Bild „Der
Jäger" wurde im heißen August begonnen und
beim Schneetreiben im November im Freien
beendet.
Erwähnen möchte ich an dieser Stelle, daß
Freiherr Anton von Perfall vor längeren Jahren
eine Novelle, betitelt „Madeion", geschrieben
hat, in welcher, wie er mir auf meine Anfrage
im April 1901 bestätigte, sein Freund Leibi,
mit dem er in Schondorf zusammen war, das
Modell zu der Hauptperson — dem Maler
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